Aufsatz 
Rede über Friedrich Ludwig Jahn am Geburtstag Sr. Maj. Wilhelm II. an die in der Turnhalle versammelte Jugend Arolsens
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wickeln müſſen, ſie zeigen an mit wachſender Gewalt und Deutlichkeit die Lichtgeſtalten Hermann, Karl der Große, Otto der Große, die Hohenſtaufen, Luther, das ganze Volk, zum Freiheitskampf entflammt, Wilhelm J. Unter den Führern im Freiheitskampfe aber ragt auch die Kraftgeſtalt des Mannes, deſſen Geiſt fortwirkend in dem kommenden Geſchlecht auch dieſe Halle ſchuf, in der ſein Antlitz uns im Bild entgegentritt, Turnvater Jahn.

Im großen, dreißigjährigen Krieg, in brudermörderiſchem Kampf, mit eigner Kraft zer⸗ ſchlagen, daß kaum ein Drittel alles Lebenden verblieb, vergaßen wir kraftlos uns ſelbſt und unſ're Art, alles höhere Leben war an das Fremde, Griechen⸗, Römervolk, Weltbürgertum ge⸗ bannt, dieweil das alte Reich zerfiel, und mehr als früher ergriff die Heimattauben der Römer⸗ linge Geiſt, in Sprache, Tracht und Sitten verwälſcht, der Wälſchen Spott. Umſonſt das Mahnwort einzelner, umſonſt der Jubelruf von Roßbach. Nach Friedrichs Tod erſtarrt auch Preußen. Als aber aus den Schrecken der franzöſiſchen Revolution ein Wetter aufſtieg, welt⸗ erſchütternd, vom Papſt geſalbt, mit ſeinen Scharen Napoleon, die Gottesgeißel, die kleinen Völker mit ſich reißend, getrennt die großen ſchlagend, das deutſche Weſen völlig dämpfen wollte, da, in Todesſchauern, erwachte Germanenart, mit dem edlen Stein, dem Bauernſohne Scharn⸗ horſt erſtand ein freies Volk, wie einſt, ein Volk in Waffen. Die Fragen aber: Was ſind wir? Wie kommt's, daß wir Germanenkinder im ſommergrünen Wald ſo wuchſen in die Welt, ſo anders als die anderen Völker, kraftvoll, mit lichtem Haupt und Himmelsaug, aus Winternot zum Frühlingstag? Wie können wir ſelig leben, ſelig ſterben? dieſe Fragen, die jedem mehr oder minder deutlich entgegentreten, weckten damals, in dieſer Notzeit, keinen zu höherer Beſin⸗ nung als Friedrich Ludwig Jahn. Im Jahre 1778 auf einem Pfarrhof der Mark Bran⸗ denburg im Dorfe Lanz, nahe demAusland ſo ſagte man damals Hannover und Mecklenburg, wo ihm geliebte Blutsverwandte lebten, geboren, bis zum 14. Lebensjahre aus einem anfangs ſchwächlichen Kind in ungezwungenem Unterricht bei Mutter und Vater, durch Spielen, Reiten, Schwimmen, Wandern unter den Kriegern Friedrichs des Gr. zu einem kraft⸗ vollen, ſcharfſinnigen, in religiöſen und geſchichtlichen Dingen ſchon ſelbſtändig denkenden Knaben erſtarkt, als eigenwilliger Gymnaſiaſt einſeitig der Geſchichte und der Mutterſprache ergeben, auf der Hochſchule in wildem Kampf mit dem kleinlichen A la mode-tum der Landsmannſchaften, die, des nahenden Sturms nicht achtend, an tollen Kommerſen und gegenſeitigen Rempeleien und Contrahagen ſich delektierten, im wilden Kampf verdrängt, kommt ihm in Waldeseinſamkeit, in ſeinem Bergfried, einer Höhle unfern Halle, leſend, ſinnend, die Erleuchtung nicht des Urgrunds aller Dinge denn das Allwaltende nie faſſet endliches Gebild doch aus dem Augenblick, den wir erfaſſen können, aus der Geſchichte der Menſchheit, der Welt fühlt er ſich jauchzend als einen Sproſſen der Heimaterd, als einen Teil des deutſchen Volks, des Mittelvolks, das, gleichwie er, von der Gewalt des Fremden muß erſtarken. Denn, was das heimiſche Märchen, dem er wandernd lauſcht, von Todesbann und Auferſtehung raunt, was aus den alten Sagen aufloht in Heldenkraft, ſo einzig rein und ſtark, mit Wort und Schwert in Hermann, Luther, zuletzt mit wachſender Gewalt im Zollernvolk nach Licht und Freiheit ringt, es iſt kein Wahn er fühlt es allvereint um Brandenburg und um ſein Fürſtenhaus, den Hohen⸗ zollernſchlag, muß es im Frühlingskampfe einſt zum Heil der Welt ſiegreich die Nacht durch⸗ brechen. Dem begeiſterten Seher aber ſtarrt zerriſſen, hart und fühllos, ſcheintot die Wirklichkeit entgegen. So wird er, mehr als Luther, Blücher, derb und eckig, ein Sturmvogel, der mit