Aufsatz 
Die deutschen Stadtschulen und der Schulstreit im Mittelalter : Ein Beitrag zur Schulgeschichte des Mittelalters / von Meister
Entstehung
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jener Zeit mit Geringſchätzung zu betrachten oder gradezu zu verdammen, weil ſie nicht den Anforderungen einer in ſtaatlicher, ſocialer, wiſſenſchaftlicher und techniſcher Hinſicht unver⸗ gleichlich fortgeſchrittenen Zeit entſprechen. Die Stadtſchulen des Mittelalters giengen aus dem Bedürfniſſe hervor in großen wie in kleinen Städten; in letzteren eher und früher, da dieſelben weniger mit Kloſter⸗ und Stiftsſchulen verſehen waren, in jenen beſonders dann, wenn durch geſteigerten Handelsverkehr die Population wuchs, und die Dom⸗ oder Stiftsſchulen nicht mehr für die große Anzahl der Kinder genügten. Dieſes war deſonders in den nord⸗ deutſchen Städten der Fall, während in den ſüddeutſchen Städten, die ſich früher entwickelt hatten, in welchen chriſtliche Kultur und Bildung früher Eingang gefunden hatte, ein ſolches Bedürfniß wenig oder gar nicht gefühlt wurde, weil ſie mit Schulen reichlich verſehen waren. Es hatten z. B. Köln, Mainz, Frankfurt, Worms, Speier, Straßburg, Baſel, Zürich, Conſtanz, Augsburg, Bamberg u. a. drei, fünf und mehr Stifter, jedes mit einem Scholaſtikus und geordneter Schule, die da, wo die Reformationszeit ſie nicht zerſtört hat, bis zum Anfang unſeres Jahrhunders fortgedauert haben. Darum findet man denn auch in Süddeutſchland wenige oder gar keine Spuren eines Schulſtreites. Denn ob die Neckarſchule in Heidelberg mit oder gegen den Willen der Kanoniker des Stiftes mit Hülfe des Pabſtes gegründet worden ſei, ließ ſich nicht ermitteln. Wenigſtens gibt Hautz in der Geſchichte dieſer Stadtſchule(Heidel⸗ berg 1849), deren Gründung er in die Mitte des zwölften Jahrhunderts ſetzt, keine Auskunft darüber. 1

In Norddeutſchland aber war die wirkliche durch die Urkunden erweisbare Urſache für die Errichtung neuer Schulen ein lokales, durch den geſteigerten Verkehr, durch vermehrte Bevölkerung, durch Anlegung neuer Stadttheile oder durch zu weite Entfernung von der Dom⸗oder Stiftsſchule hervorgerufenes Bedürfniß.

In Lübeck, wo die Domſchule ſeit 1163 beſtand, wurde die Errichtung einer Stadtſchule bei der Pfarrkirche St. Maria dem Rath von dem päbſtlichen Legaten Hugo mittelſt einer

aus iſt, und alle Klöſter und Stift E. K. F. G. als dem oberſten Haupt in die Hände fallen, kommen zugleich auch mit die Pflicht und Beſchwerde, ſolches Ding zu ordnen. Wo ein Stadt oder Dorf iſt, die des Vermögens ſind, hat C. K. F. G. die Macht, ſie zu zwingen, daß ſie Schulen, Predigtſtühle, Pfarren halten.(De Wette, Luthers Briefe, Bd. III, S. 135): ſo traten doch Zuſtände ein, wie ſie in den nächſtvorhergehenden Zeiten, beſonders im dreizehnten Jahrhundert, vergebens geſucht werden dürften.Die Jugend iſt alſo verführet worden, klagt Lauze, der heſſiſche Chroniſt I, S. 141 z. J. 1527, daß ihrer wenig mehr ſtudiert haben und ſich dafür gemeiniglich zu andern ſitzenden Handwerken begaben. Davon nun die Studia allenthalben in Landen und Städten gefallen und verlöſchen, die Schulen wüſte gemacht und niemand ſeine Kinder mehr hat zur Schule halten wollen, auch die hochnötigen und ganz nützlichen Künſte ſammt den Gelehrten bei dem gemeinen Manne darüber in große Verhaſſung und Verachtung kommen.Die Aeltern halten ihre Kinder darum ſo wenig zum Schulbeſuch an, weil ſie ſprechen: mein Kind kann kein Pfaffe, kein Mönch, keine Nonne mehr werden, warum ſoll ich's in die Schule ſchicken? Reich ſoll es werden und ſehen, daß ein Pfennig drei gewinnt.(Bedenken des Eßlinger Predigers v. J. 1522 bei Pfaff a. a. O. S. 45.) Im Jahr 1529 klagt Oekolampadius:die Schulen alle ſind abſchüchlich gemacht worden und in denen bisher eben vil Knaben gewohnt, werden jetzt gar wenig geſehen, nit anders, denn zu ziten eines Sterbens und ſind alſo die guten nutzbaren ding mit den unnützen verachtet worden.(Fechter, Geſch. des Schulweſens in Baſel I, 40). In Nürtingen(Würtemb.) klagten 1531 Bürgermeiſter und Gericht, ihre lateiniſche Schule ſei, wie gewöhnlich überall, in großen Abgang gekommen, ſo daß aus Mangel an Schülern ein geſchickter Schulmeiſter ſich auf ſolcher Schule nicht ſtattlich fortbringen könne.(Cleß a. a. O. III. S. 602). Die Kloſterſchulen büßten den letzten Kredit noch ein natürlich! weil die Mönche entſprangen oder verjagt wurdenund in die Stadtſchulen ſchickte man die Kinder auch nicht mehr, weil man alle Schulbildung für überflüſſig hielt. Holzer a. a. O. S. 27.