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ſuchte man erworbene Rechte gegen unrechtmäßige Eingriffe zu vertheidigen, andererſeits ſich ein ſehr wichtig erſcheinendes Recht unter jeder Bedingung zu verſchaffen. Dadurch ent⸗ ſtand ein Streit und Kampf zwiſchen den Stadtmagiſtraten und den Domkapiteln oder Stiftern beſonders in nord⸗ und weſtdeutſchen Städten, wie Gent, Ypern, Brüſſel, Lübeck, Helmſtädt, Hamburg, Wismar, Königsberg i. Pr., Stendal, Lüneburg, Braunſchweig u. a., der beiderſeits mit großer Entſchiedenheit, oft mit Erbitterung geführt und ſchließlich zur Be⸗ friedigung der Städte beendigt wurde, ein Streit, der das Schulweſen weit mehr gefördert als gehemmt hat. Denn Kampf erzeugt Leben, regt neue Kräfte an, bewirkt gegenſeitigen Eifer und fördert das Gute auf beiden Seiten, indem die nothwendig erfolgende Verſöhnung gerechtere Würdigung der Verhältniſſe mit ſich führt, wo beiderſeits die Sache im Auge behalten wird. Am früheſten zeigen ſich die Beſtrebungen der Magiſtrate, das Schulweſen in ihre Gewalt zu bekommen, in Flandern und Weſtphalen und führten zu mannigfachen Kon⸗ flikten mit den geiſtlichen Patronatsherren, zunächſt in Gent, wo ſeit alten Zeiten der Graf das Schulprivilegium durch das Stift von St. Pharahild ausüben ließ, ohne deſſen Erlaubniß niemand Schule halten oder eine Schule errichten konnte. Als aber 1178 die Stiftskirche ſammt den Urkunden verbrannt war, wollten die Genter das Vorrecht des Stiftes nicht mehr anerkennen, obgleich der Graf es erneuerte und der Erzbiſchof von Rheims es unter An⸗ drohung des Kirchenbannes für die Nichtachtung beſtätigte. Die Beſtimmung eines nach des Grafen Tod eigenmächtig abgefaßten Freibriefes, Art. 15: si quis in Gandavo scolas erigere voluerit sciverit et poterit, licet ei, nec aliquis poterit contradicere, welche nicht minder gegen den Grafen als gegen das Stift gerichtet war, beweiſt zwar den Muth der Genter, konnte aber als offenbarer Eingriff keine Geltung erhalten ¹1¹¹). Denn 1235 finden wir die Gräfin Johanna in vollem Beſitz ihres Privilegs, welches das Stift ausübte, wie aus einer Vertragsurkunde dieſes Jahres mit dem Stift hervorgeht 112). Des Schulprivilegiums des Stiftes St. Martin zu Ypern, ertheilt durch Pabſt Innocenz IV. i. J. 1252, iſt ſchon Er⸗ wähnung gethan. Die darob entſtandenen Streitigkeiten mit den Bürgern, welche den Kirchen⸗ bann für die Stadt zur Folge hatten, wurden 1253 durch den Dekan von Cambrai in ſchon erwähnter Weiſe geſchlichtet. Die Bürger durften jedoch ihre Kinder zu Hauſe durch einen Geiſtlichen unterrichten laſſen. Kleine Schulen bis zum Cato, alſo eigentliche Elementarſchulen, konnte jeder auch ohne Erlaubniß des Stiftes und Magiſtrats errichten ¹1¹13), der Lehrer aber nicht mehr als zehn Solidi Schulgeld von jedem Schüler nehmen 1¹4). Kein Lehrer durfte während ſeiner Anſtellung dem Kapitel gegen die Stadt oder umgekehrt als Anwalt dienen.
Daß auch in Brüſſel eine Spannung zwiſchen der geiſtlichen Aufſichtsbehörde und dem Stadtrathe beſtand, geht aus einer Verordnung des Herzogs Johann III. von Brabant v. J.
111) Cramer a. a. O. S. 248.
112) Darnach hatte der Dekan mit dem Kapitel die unentgeltlich zu haltenden Schulen jährlich einem fähigen Manne zu übertragen, der von der Gräfin oder deren Nachfolgern die Beſtätigung empfangen mußte. Ver⸗ ſäumte das Kapitel bis Oſtern die Präſentation, ſo ernannte der Graf, wen er wollte. Warnkönig a. a. O. II, 1. Urkb. S. 16. Nachtrag S. 198.
113) Parvae autem scolae, in quibus discipuli poterunt erudiri ad Catonem, regi poterunt a quibus- cunque regere volentibus in villa Yprensi, non petita vel obtenta licentia a nobis. Warnkönig a. a. O. Urkb. S. 170 u. 171.
114) Nec pro stramine, nec pro juncis nec pro gallis, nec aliqua alia de causa ultra dictam summam aliquid exigere, nec de Pane puerorum aliquid accipere, nec tollias in dictis nobis facere.


