Aufsatz 
Die deutschen Stadtschulen und der Schulstreit im Mittelalter : Ein Beitrag zur Schulgeschichte des Mittelalters / von Meister
Entstehung
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Pfarrſchulen konnten ſich dieſem Einfluß nicht ganz entziehen, beſonders wenn bei Erwei⸗ terung und zum Unterhalt derſelben die Mitwirkung des Magiſtrats in Anſpruch genommen wurde, was bei der Identität der kirchlichen und bürgerlichen Gemeinde ganz unverfänglich erſchien. War der Magiſtrat Patron einer Kirche, ſo war er es auch über die damit verbun⸗ dene Schule. Indulgenz der zeitigen Patrone, beſonders der geiſtlichen, Streit und Verträge mit denſelben, Kauf um Geld ⁸⁵), willkürliche Aneignung, Fundierung eigener Stadtſchulen u. a. verſchafften den ſtädtiſchen Behörden allmählich den gewünſchten Einfluß auf das ſtädtiſche Schulweſen, zum mindeſten das Recht, die Schulmeiſter zu ernennen oder zu präſentieren, oft auch den vollen Patronat, der um ſo eifriger erſtrebt wurde, als derſelbe nicht bloßzu den vollen ſtädtiſchen Rechten gehörte, ſondern auch ein Gegenſtand des Nutzens war 29⁰). Denn mit dem Recht, Schule zu halten, war bisweilen das Schreiberamt, das Sekretariat oder Notariat verbunden und wurde dasſelbe hier und da ſogar verpachtet.

Soweit dieſe Bemühungen das hiſtoriſche Recht achteten und auf rechtliche Mittel ſich ſtützten, waren ſie unſtreitig von ganz entſchiedenem Einfluß auf die Verbreitung deutſcher Kultur, der ſich ſogar auf die ſlaviſchen Landestheile erſtreckte, in welche mit den deutſchen Anſiedlern auch dasdeutſche Recht Eingang fand ³⁴). Zu dieſem Recht gehörte auch die Ernennung des Schulmeiſters durch den Magiſtrat. Denn in dem 1270 von Ottokar II. der Stadt Leobſchütz erweiterten Privileg heißt es: Die Schulen, das Amt des Glöckners und des Hirten ſoll der Vogt mit dem Rathe verleihen ²)..

Wenn nun aber der Magiſtrat hier und da nicht den vollen Patronat, ſondern nur das Präſentationsrecht erwarb, während der geiſtlichen Behörde die Beſtätigung des präſen⸗ tierten Lehrers verblieb; ſo wurde dieſes Beſtätigungsrecht nach und nach ein bloß formales, wenn nämlich die Beſtätigung nicht verſagt werden durfte; ſo in Stendal nach langem Streit 33), in Grünberg ¹)(Heſſen), wo 1466 ein Vergleich zwiſchen den Chorherren und dem Rathe zu Stande kam, daß der Pfarrer und das Stift den Schulmeiſter, welchen der Rath einſetzen würde, ohne Einſprache annehmen und ihm die Präſenz geben mußten,in moße das von alders wegen heirkomen und bracht iſt worden. Das einfache Ernennungsrecht findet ſich in der Handveſte von Bern i. J. 1218, Art. 7, wonach die Bürger communi consilio den Schulmeiſter erwählten, der Herzog ihn beſtätigte 95). In Wien ernannte 1237 der Herzog den Rektor der Stadtſchule, aber bei Ernennung der übrigen Lehrer war einem Bürgeraus⸗

89) Geiſtliche durften ihr Patronatsrecht nie verkaufen, ſondern nur durch Schenkung übertragen. Auch war ihnen das Verpachten der Schule ausdrücklich verboten, z. B. von dem Konzil zu London 1138 und durch biſchöf⸗ liche Erlaſſe, z. B. des Biſchofs Stephan von Tournay i. J. 1197.(Vgl. Raumer, die Hohenſtaufen, VI, S. 441); des Erzbiſchofs Burchard von Bremen i. J. 1329.(Meyer, Urk. 6).

90) Cramer a. a. OQ. S. 247.

91) Unterdeutſchem Recht ſind diejenigen Vorrechte zu verſtehen, welche den in ſlaviſche Länder eingewan⸗ derten Deutſchen vor der einheimiſchen Bevölkerung eingeräumt wurden. Tomaſcheck, deutſches Recht in Oeſterreich im 13. Jahrh. S. 75 80. Kleiber, Geſchichte der Stadt Leobſchütz. 1864. S. 16.

92) Dieſes Recht ſtimmt nach Tomaſcheck mit dem überein, welches Biſchof Friedrich von Hamburg ſchon 1106 den flandriſchen Coloniſten und Biſchof Gerung von Meiſſen 1154 verlieh, und beweiſt ebenſowohl das Vor⸗ handenſein von Volksſchulen, als das biſchöfliche Oberhoheitsrecht.

93) Götze, Geſch. des Gymnaſ. zu Stendal. 1865. Urk. 3 v. J. 1342.

94) Glaſer, die Stadt Grünberg im Oberlahngau. Urk. 13 u. 43.

95) Dreyer, Beitr. zur Lit. und Geſch. des deutſchen Rechtes. S. 55.