Aufsatz 
Die deutschen Stadtschulen und der Schulstreit im Mittelalter : Ein Beitrag zur Schulgeschichte des Mittelalters / von Meister
Entstehung
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Lehrer eine und dieſelbe Perſon. In Roßwein(Sachſen) wird 1456 Nic. Finke als Schul⸗ lehrer erwähnt, der auch Küſter und Stadtſchreiber war und die muſikaliſchen Aufführungen in der Kirche zu leiten hatte. Eben dahin wird vom Rathe zu Chemnitz O. Verge aus Bamberg als Küſter, Lehrer und Stadtſchreiber empfohlen ²1). In den Prioilegien der älteſten Dörfer des Ermlandes iſt die Rede von den Schülern der Glöckner und dem Lohne, den die Schüler dem Glöckner zu zahlen haben. Daraus folgert man mit Recht, daß in den Pfarrdörfern campanator(Glöckner, Küſter) zugleich den Lehrer bedeute, wie in den Städten der Titel rector oder magister ²2). In Tolksdorf(Ermeland) erhielt der Glöckner i. J. 1300 von dem Domkapitel eine Hufe Landes, die noch jetzt der dortige Lehrer als ſolcher, nicht als Küſter, in Beſitz hat).

Daß auch der Organiſtendienſt mit dem Lehreramt verbunden war, läßt ſich aus vielen Urkunden nachweiſen, kann aber hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden ²¹).

Aus Vorſtehendem geht unzweifelhaft hervor, daß es Pfarrſchulen gegeben habe, die beſonders auf Dörfern auch Küſterſchulen hießen, wenn ſie vom Küſter verſehen wurden. Da nun bei vielen Schulen, welche im dreizehnten Jahrh. oder ſpäter erwähnt werden, das Gründungsjahr nicht angegeben wird, dieſelben vielmehr alsvon alters her beſtehend oder alsalte Schulen genannt werden, ſo darf mit Sicherheit auf das Daſein ſolcher Schulen in den nächſtvorhergehenden Jahrhunderten geſchloſſen werden. Daß die Kirche aber in ihren verſchiedenen Anſtalten für den Jugendunterricht glückliche Reſultate erreicht habe, beweiſt der Bildungsgrad, den das Volk durch ſie, die einzige Lehrerin im Mittelalter, allmählich erreicht und vorzugsweiſe am Ende des zwölften und im dreizehnten Jahrhundert bewährt hat. Die Kirche war die Mutter und Lehrerin aller Kultur, ſie iſt in allem zugleich Muſter geweſen, in materieller Hinſicht, in der Bodenkultur und dem Handwerk ſo gut, wie in der Kunſt und Wiſſenſchaft; ſelbſt Handel und Verkehr hat ſie weſentlich vermittelt und befördert. Nur der Kirche gebührt der Ruhm, daß die Kreuzzüge, in welchen der chriſtliche Geiſt zur äußeren That geworden iſt, das Volk zu geiſtiger Mündigkeit emporhoben, daß es im Stande war, Er⸗ lebtes, Gewohntes, Geglaubtes und Gefühltes klar und deutlich auszuſprechen; daß die deutſche Volksſprache zum allgemeinen Ausdruck des Volkslebens, der Volksſitte, des Volksglaubens wurde, wie die Aufzeichnung der Volksgeſetze und der Volksrechte in freier Darſtellung (Proſa), die zahlreichen ſog. Willküren oder Handveſten und Weisthümer großer und kleiner Städte, der Sachſen⸗ und Schwabenſpiegel u. a. beweiſen 25). Durch die Kreuzzüge hat ſich der Geſichtskreis der abendländiſchen Völker erweitert, haben Handel und Verkehr einen nie dageweſenen Umfang erhalten, hat ſich das Handwerk zu kunſtmäßiger Ausbildung erhoben, iſt das Volk zum Blürgerthum emporgewachſen. Den dadurch geſteigerten geiſtigen Bedürf⸗ niſſen und dem immer mehr erwachenden Streben nach Bildung hat die Kirche Rechnung

21) Beyer a. a. O. Man nahm nämlich die Leute zu ſolchen Schulſtellen, wo man ſie fand, indem die kleinen Territorien ein beſchränkendes Indigenat ſo wenig durchführbar machten, als es die Kirche überhaupt kannte. Mone, Zeitſchr. II. S. 129..

22) Braun, Geſch. d. Gymn. zu Braunsberg. Prag v. J. 1865. S. 8.

23) Braun a. a. O. S. 7. Cod. dipl. varmiae I. 109 f. 192.

24) Nur ein Beiſpiel! J. J. 1513 ſchrieb der Stadtrath zu Freiburg an den zu Breiſach,da die ſchul und orgel zu Breiſach ledig werden ſollen, ſo könnten ſie den Meiſter Hans Adler zu dem dienſte empfehlen. Mone, Zeitſchr. XVII. S. 128..

25⁵) Vgl. Cramer, Geſch. d. Erziehung und des Unterrichts in den Niederlanden. Stralſund 1843. S. 204.