2*2
zu ihr gehörend weder ſelbſtſtändig waren, noch eine feſte Dotation hatten ¹²). Ueberdieß ſind tauſend und tauſend Urkunden beſonders im Bauern⸗ und im dreißigjährigen Kriege durch Verwüſtung der Klöſter und Stifter zu Grunde gegangen, und ſelbſt die einfachſten Pfarr⸗ regiſtraturen auf dem Lande ſind vielfach der Plünderung nicht entgangen und reichen oft kaum in den Anfang oder die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hinauf. Angenommen aber, jedoch nicht zugegeben, es habe in jener Zeit gar keine Pfarr⸗ oder Volksſchulen gegeben, ſo wäre dieſes einerſeits ein Beweis, daß die vorhandenen mehrgenannten Schulen an den Dom⸗ und Stiftskirchen ſowie in den Klöſtern dem Bedürfniſſe genügten; andererſeits aber könnte man ſich nicht wundern, wenn man bedenkt, daß bei den Maſſenbekehrungen Karls d. Gr. in Sachſen und Otto's d. Gr. bei den ſlaviſchen Stämmen an eine allgemeine, tiefer gehende Volksbildung gar nicht gedacht werden kann, um ſo weniger, als es ein Volk in unſerem Sinne gar nicht gab. Man mußte mit dem niedrigſten Grad religiöſer Kenntniſſe zufrieden ſein, weil es unmöglich war, eine genügende Anzahl von Prieſtern herbeizuſchaffen, um die Neubekehrten, die oft auch nach der Taufe in heidniſcher Anſchauung und im Aberglauben tief verſtrickt blieben, auch nur bei nothdürftigſter Erkenntniß zu erhalten. Selbſt bei den Geiſtlichen mußte man deshalb oft mit geringerer Vorbildung zufrieden ſein, wenn man nur einige Bürgſchaft zu haben glaubte, daß ſie ihr Amt zum Wohle der ihnen anvertrauten Gemeinden verwalten würden. Die Zeit vom achten bis zwölften Jahrhundert war eben keine Zeit moderner Volksbildung, mag man ſie von politiſcher und ſozialer, bürgerlicher und kirchlicher Seite betrachten. Doch iſt ein Rückſchluß aus den Verhältniſſen der unmittelbar folgenden Zeit auf die frühere geſtattet, ſo dürfte man auch ohne urkundliche Belege zu der Ueberzeugung kommen, daß es auch vor dem zwölften Jahrhundert und während desſelben nicht gänzlich an Volksſchulunterricht gemangelt habe, und daß der Satz v. Raumer's, Volks⸗ ſchulen ſeien vor Erfindung der Buchdruckerkunſt unmöglich geweſen ¹³), nur in beſchränktem Sinne eine Wahrheit enthalte. Dorfſchulen freilich im achten, neunten, ſelbſt zehnten Jahr⸗ hundert ſuchen, wo alles noch im Werden und Entſtehen begriffen war, wo es noch keine Dörfer in unſerem Sinne, ſondern nur Meiler und Höfe gab; wo der größte Theil des Landes noch mit Wald bedeckt war, wo hier und da auf dem Lande vielleicht ein Gutsherr auf ſeinem Meiler eine hölzerne Kirche mit Strohdach ohne Glasfenſter erbaute und einen nothdürftig vorgebildeten Geiſtlichen gegen Gewähr des nöthigſten Unterhaltes als Seelſorger anſtellte, hieße Unmögliches verlangen.
Die Pfarrer mußten eben in ihren Pfarrſprengeln, ſo gut es möglich war, ſelbſt Lehrer ſein, grade wie es in den Dom⸗ und Stiftsſchulen anfangs wenigſtens die Scholaſtici waren; auch ließen ſie ſich von ihren Gehülfen, den Kaplänen, unterſtützeu. In einer Urkunde des Stiftes Alt-Zelle im Bisthum Meißen v. J. 1237 wird ein scolaris minister erwähnt, den das Stift als Patron dem Pfarrer des Dorfes Tzadel auf eigne Koſten zu halten ſich verpflichtete 11). Dasſelbe verſpricht i. J. 1293 dem Pfarrer in Tzadel wegen des Dorfes Joze pro scolari, qui in villa Tzadel tenebatur, jährlich zwei Pfd. ß.(Schillinge) 5). Es iſt wohl kein Zweifel, daß dieſer Gehülfe des Pfarrers, der an einer anderen Stelle
12) Schwarz, Geſch. d. Erziehung, II. S. 17.
13) Geſch. d. Pädagogik. I. S. 126. Anm. 2.
14) Beyer, das Ciſtercienſer⸗Stift Alt⸗Zelle. Dresden 1855. S. 54.
15) Urk. des Biſchofes Witego von Meißen, bei Beyer a. a. O. S. 568.


