Aufsatz 
Die deutschen Stadtschulen und der Schulstreit im Mittelalter : Ein Beitrag zur Schulgeschichte des Mittelalters / von Meister
Entstehung
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noch tief im Heidenthum verharrten, wie Pommern, Preußen u. a. Das rauhe Klima, der Mangel aller Kultur, die tiefgewurzelte heidniſche Anſchauung, der Widerwille gegen alles Neue, der Haß gegen das Fremde machte die Verkündigung des Evangeliums nicht leicht. Unbe⸗ grenzte Opferwilligkeit, Geduld, Entbehrung, Ausdauer und phyſiſche Kraft war von Seiten der Miſſionäre aufzuwenden, um nur zu einem geringen Ziele zu gelangen. Die Diöceſen waren darum anfangs groß, weit auseinander gelegen die Biſchofsſitze, ausgedehnt die Pfarr⸗ bezirke 11). Da der Staat als ſolcher ſich gar nicht um das Schulweſen bekümmerte und bekümmern konnte, ſo Ruhmvolles auch einzelne Regenten perſönlich dafür gethan haben, ſo blieb der Kirche und ihren Dienern alles überlaſſen. Kein Zwang irgend welcher Art hielt zum Schulbeſuche an und würde auch nicht ertragen worden ſein. Anſtatt alſo der Kirche und den Geiſtlichen, ihrer angeblichen Trägheit oder Unwiſſenheit, das den Verhältniſſen nach nothwendig Mangelhafte zum Vorwurf zu machen, ſollte man vielmehr das Großartige, was ſie für das Schulweſen gethan haben, anerkennen, ja bewundern. Wollte man aber an der Stelle der Urwälder ſogleich einen blühenden Garten chriſtlicher Erkenntniß und die Früchte chriſtlicher Tugend und Wiſſenſchaft ſehen; wollte man bei den erſt und allmählich werdenden, nicht von Anfange an fertigen Inſtitutionen des Mittelalters, ſtatt des erſt zu bildenden ein ſchon gebildetes Volk; wollte man im Beſondern ſchon gleich ein wohlorganiſiertes Schul⸗ weſen; wollte man bei den mit Mühe und Opfern gegründeten Schulanſtalten, denen alle modernen Hülfsmittel fehlten, anſtatt des ſtill und geräuſchlos wirkenden Geiſtes Gottes in der Uebung der chriſtlichen Tugenden, der Unterſtützung armer Talente, der anſpruchloſen, liebevollen, nicht auf äußere Anerkennung, nicht auf äußeren Prunk, nicht auf glänzende oder gleißende Wiſſenſchaft bedachten Hingabe an den Jugendunterricht überall nur die in die Augen ſpringenden Mängel und Schattenſeiten, die uns als ſolche erſcheinen, mit Vorliebe und Ueber⸗ treibung hervorheben und danach ein allgemeines Urtheil fällen; ſo hieße das den Geſetzen organiſch ſich entwickelnder Verhältniſſe widerſprechen und Unmögliches da verlangen, wo alle Vorausſetzungen fehlten, die tauglichen Volksklaſſen nicht minder, als die nöthigen Hülfsmittel, Schreibmaterial, gedruckte Bücher u. dgl.

Man tadelt ja auch die Natur nicht, weil ſie nicht alles auf einmal, Blätter, Blüten und Früchte hervorbringt.

In einer Zeit alſo, wo man ganz andere und weit unvollkommenere Wege und Methoden einſchlagen mußte, als heute, darf man keine Volksſchulen im modernen Sinne und in voller Allgemeinheit ſuchen. Daß aber überall, wo allmählich ein geordnetes Pfarrſyſtem organiſirt wurde, bei den einzelnen Pfarrkirchen auch für den Jugendunterricht Sorge getragen wurde, wenn dieß nicht durch Dom⸗, Kloſter⸗ und Stiftsſchulen geſchehen war, die ſich ja auch mit dem Elementarunterrichte befaßten, läßt ſich ſchon aus den oben erwähnten Beſtimmungen der Kaiſer, Konzile und Biſchöfe ſchließen, wenn es nicht aus der Natur der Sache von ſelbſt hervorgienge. Wenn ſich nun aber für das Daſein von Pfarrſchulen bis zum zwölften Jahr⸗ hundert bis jetzt kaum beſondere urkundliche Belege auffinden ließen, ſo iſt dieſes durchaus noch kein Beweis, daß es wirklich keine gegeben habe, zumal man dieſe Schulen als beſondere Anſtalten gewöhnlich gar nicht erwähnte, weil ſie überall als mit der Kirche verbunden und

11) Noch 1076 gehörten z. B. zu der in Göda in der Lauſitz vom Biſchof Beno erbauten Kapelle nicht

weniger als zwei und ſiebzig Ortſchaften. Vgl. neues Laufitz. Magazin von Dr. Wilde, 1865. Bd. 22. 1. Hälfte. 1*