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Aber ſie hat auch, unterſtützt durch die Reichsgeſetze der Kaiſer, beſonders Karls d. Gr. und Ludwig d. Fr., es ſich angelegen ſein laſſen, durch Konzilien⸗ und Synodalbeſchlüſſe die Geiſtlichen zur Errichtung von Voltsſchulen in ihren Pfarrgemeinden aufzufordern und es ihnen zur heiligſten Pflicht zu machen. Zwar dürfen nicht, wie es bisweilen geſchieht, alle derartigen Verordnungen Karls oder Ludwigs auf den Jugendunterricht im engeren Sinne, ſie müſſen vielmehr auf den Unterricht des kaum dem Heidenthume entriſſenen erwachſenen Volkes bezogen und als das geringſte Maß chriſtlicher Kenntniß angeſehen werden, das man nach damaligen Verhältniſſen verlangte; wie die Verordnung v. J. 801: Ut unusquisque sacerdos orationem dominicam et symbolum populo sibi commissq curiose insinuat ac totius religionis studium et christianitatis cultum eorum mentibus osten- dat ⁵5). Aber gradezu auf das Volksſchulweſen bezieht ſich die Beſtimmung des Kapitulars Karls v. J. 802 c. 12, welche befiehlt, daß jeder ſeine Kinder zur Schule ſchicken, und daß dieſe mit aller Sorgfalt ſo lange dieſelbe beſuchen ſollen, bis ſie denügend unterrichtet ſind ⁵5). Auch Ludwig d. Fr. ermahnt in einem Kapitular v. J. 823 c. 5., welches wahrſcheinlich die Entlaſſungsrede an die Biſchöfe auf dem Konzil zu Tribur iſt, die Geiſälchen, überall Schulen zu gründen, wo noch keine vorhanden ⁷). Hinter dieſen Aufforderungen der Kaiſer blieben die Biſchöfe nicht zurück, ſondern ſchärften den Pfarrern ein, bei jeder Kirche eine Schule zu errichten, in welcher außer dem Leſen und Schreiben auch im Pſalmengeſang Unterricht ertheilt werde ²). Im Jahr 813 verordnen die Konzile zu Mainz, Friaul, Rheims und Tours, daß die Geiſtlichen auf das Erlernen des Symbolums und des Vaterunſers ſtrenge halten, und daß die Eltern die Kinder zur Schule ſchicken ſollten, ſei es in die Klöſter, ſei es zu den Geiſtlichen außerhalb*). Eben darauf zielen auch die Kapitulare der Biſchöfe Theodulf von Orleans Num. 19 und 20, Walter von Orleans Num. 6, Herard von Tours, Num. 17, Rikulf von Soiſſons Num. 16, Abyton von Baſel Num. 6 und 7 ¹).
Uebrigens machte das Volksſchulweſen in Deutſchland nur ſehr langſame Fortſchritte im Vergleich zu Italien und Frankreich, wie dieſes bei den vorausgehenden politiſch und ſocial weit vorgeſchrittenen Bildungsverhältniſſen dieſer Länder leicht erklärlich iſt. Die Verbreitung des Chriſtenthums in Deutſchland gieng nur langſam und ſehr ungleichmäßig von Statten. Manche Länder genoſſen ſchon Jahrhunderte lang die Vortheile chriſtlicher Civiliſation, während andere
5) Pertz, Mon. III. p. 87. Vgl. die Verordnung v. J. 802: Ut omnis populus christianus fidem ca- tholicam et dominicam orationem memoriter teneat[Pertz, l. c. p. 100]; v. J. 805: Volumus et ita missis nostris mandare praecipimus, ut laici symbolum et orationem dom. pleniter discant.[Pertz, 1I. c. p. 135] u. a.
6) Pertz, l. c. p. 87. Vgl. Binterim, deutſche Konziliengeſchichte, II. S. 446.
7) Scholae sane ad fllios et ministros ecclesiae instruendos in congruis locis, ubi necdum perfectum est, ad multorum utilitatem et profectum a vobis ordinari a vobis non negligatur.[Baluzzi, Concil. I. p. 440.— Binterim a. a. O. III. S. 366].
8) Binterim II. S. 307.
9) Mansii, Concil. XIV. p. 75.
10) Binterim a. a. O. In dem Capitul. ad parochiae suae sacerdotes(Mansii Concil. XIII, p. 933) heißt es: Presbyteri per villas et vicos scolas habeant, et si quilibet fidelium suos parvulos ad
discendas literas iis commendare vult, eos suscipere et docere non renuant, sed cum summa caritate eos doceant, nec aliquid ab eis accipiant, excepto quod eis parentes caritatis studio sua voluntate obtulerint.
Dieſer um das Schulweſen ſehr verdiente Biſchof ſtarb 821.


