Aufsatz 
Über die klassischen Studien auf Gymnasien vom christlichen Standpunkt
Entstehung
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und der zuversichtlichsten Hoffnung, denen die Liebe ents tinpe Die Tugend der Stoiker, was ist sie anders, als stolze Selbstüberheb W tung menschlichen Gefühls und göttlicher Schickung! Manche Tugenden, wie Nächstenliebe im engeren Sinn, Feindes- liebe, Versöhnlichkeit, Demuth, Selbstverleugnung, fanden sich entweder gar nicht, oder nur in schwachen Spuren, während man Blutrache als réeligiöse Pflicht ansah, Böses mit Bösem vergelten als Tugend betrachtete, den Selbstmord der Helden pries, ¹⁸⁷) die Götter durch ausschweifende Orgien ehrte, der Sinnlichkeit und Ausschweifung in unbeschränktem Maasse fröhnte und dem Geschöpf und der Natur als solcher sich unbedingt hingab. Darum war auch der oben geschilderte Einfluss auf die Kunst nicht rein; die äussere, sinnliche Form herrschte vor und entbehrte der eigentlich überirdischen Idee in ihrer Reinheit und Klarheit. Des Künstlers höchste Aufgabe war, die Formen der sinnlichen Schönheit zur höchsten Vollendung zu bringen. Darum geht Nichts in ihr über die Sinne hinaus; ihre Schönheit ergötzt, aber erhebt das Herz nicht über das diesseitige sinnliche Leben, erweckt keine höheren, zu Gott führenden und erhebenden Empfindungen; kurzsie spricht nur eine irdische Sprache, erregt nur irdische Wünsche und Gedanken. Dass auch der Ein- fluss der Religion auf das öffentliche und Privatleben, dem so vieles Herrliche entspross, dem die Staaten ihre Dauer, die Bürger ihre Tugend verdankten, oft mit dem krassesten Aberglauben, um mich so auszudrücken, in otfficiellster Form aart war, geht, wie aus einer Menge Beweisstellen, auch aus Livius XXI, 62 und XXII, 1 hervor. In socialer Beziehung erinnere ich nur noch an das Sklaventhum als Princip, durch welehes in Griechenland und Rom mehr denn die Hälfte der Bevölkerung nicht blos unfrei, blosse Sache, sondern auch allen Leiden, die ein solcher Zustand unter gefühllosen, genusssüchtigen, grausamen, selbst unter milder gesinnten Herren mit sich bringt, ausgesetzt war. B man ja nach antiker Anschauung Alles oder doch das Meiste auf das irdische Dasein, un war man darum bestrebt, sich dieses so glücklich als möglich zu gestalten, während man die Last des Lebens ganz auf die Schultern der armen Sklaven wälzte. Ich schweige von der grausamen Freude, mit der man Sklaven von Bestien zerreissen, Gladiatoren einander zerfleischen sah; von der Selbstsucht, welche die Sklaven dem Laster überantwortete, um die eigene freigeborne Jugend durch das Beispiel abzuschrecken. Wo ist die Freiheit des Weibes, das die Willkür verstossen; wo das Recht des Kindes, das die patria potestas zu tödten die Befugniss hatte? Wer nahm sich der Schwachen, der Hilflosen, der Ungliick- lichen an; wer pflegte den Kranken um Gotteswillen; wer sorgte für die Armen?

Doch gestattet es der Raum nicht, diese Gegensätze, welche sich keineswegs, wie

man einwenden könnte, gegenseitig aufheben, sondern mit einander parallel laufen, weiter auszuführen. Auch scheint mir das Angeführte hinreichend zu sein, um die d- Seite, welche in den Schriften der Alten in ihrer Anwendung auf die Bildung der Jugend zu berüecksichtigen ist, klar zu machen. Gerne würde ich noch an einzelnen Stellen der Klassiker die im Vorhergehenden entwieckelte Idee einer christlichen Auffassung und An- wendung praktisch darzulegen versuchen, wenn dieses nicht die eng gesteckten Gränzen eines verböten. Fassen wir darum schliesslich den Inhalt vorstehender Abhandlung kurz zusammen, so glaube ich erwiesen zu haben, dass die klassischen Sprachen der Griechen und Römer nicht blos dem Zweck der Gymnasialbildung vollkommen ent- sprechen, sondern dass sie dieses in vorzüglichem Gradé thun und desshalb die wissen- schaftliche Grundlage derselben sind und bleiben müssen; sodann, dass dieselben in Aner- kennung ihres bildenden Einflusses scit dem Untergang des Alterthums auch im Mitteb- alter stäts das Hauptmittel der wissenschaftlichen Bildung waren und von der Kirche als solches angeschen, empfohlen und gefürdert worden sind; endlich dass der mögliche und oft factische verderbliche Einfluss derselben durch eine richtige Auffassung und Erklärung vom christlichen Standpunkt aus vermieden werden kann.

¹3¹) Soph. Ant. 620. NXen. Cyrop, I. 4, 25. õ

Der Druck der meisten Belegstellen und erläuternden Anmerkungen musste der Raumersparniss wegen . unterbleiben.