Aufsatz 
Über die klassischen Studien auf Gymnasien vom christlichen Standpunkt
Entstehung
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besonnenen Muthes, der Dankbarkeit, besonders der Wahrhaftigkeit ¹³²⁴), die IHIeilighaltung des Eides werden in den besten Schriften und nur diese sollen auf den Gymnasien lesen werden gepriesen und durch Beispiele zur Nachahmung empfohlen. ¹³³½) Es darf nur des christlichen Hauches, um sie für die Herzen christlicher Jünglinge sittlich belebend und ermunternd wirksam zu machen. Oder ist es nicht ein ehricllicker Weis- heit würdiger Satz, den Cicero ¹³⁴) dem Plato entlehnt, dass das ganze Leben des Weisen eine Vorbereitung zum Tode sei und darin bestehe, sich mehr und mehr vom Körper- lichen, Sinnlichen, Irdischen loszumachen und den Geist zu jenem himmlischen Leben em- porzuheben, welches uns, so lange wir auf Erden weilen, nicht zu Theil werden kann?

Doch wollte man blos diese Lichtseite des Alterth wie es oft geschehen ist, ein- seitig hervorheben; wollte man glauben, die vorstehenden von Wahrheit und Tugend seien das Heidenthum selbst und ganz, und nicht blos Spuren und cinzelne Strahlen, die nur in den besseren Zeiten und bei den edelsten Geistern hervorleuchten: so würde man in einen Fehler verfallen, der zur Ueberschätzung des Heidenthumes, nicht selten zur Ge- ringschätzung des Christenthums führen würde und wirklich schon geführt hat. Darum darf bei der Lectüre der Klassiker neben der idealen Seite die Schattenseite niecht ohne Berücksichti bleiben, welcher gegenüber die Wahrheit und Erhabenheit, die Beseligung und der t des Christenthums sich von selbst in's gehörige Licht setzt. Und da man nicht annehmen kann, dass der Schüler stets von selbst und aus eigener Erkenntniss und durch eigenes Nachdenken diese doppelte Seite aufzufinden im Sitande würe; so ist es Sache des Lehrers, bei wichtigen Fällen darauf hinzu- weisen, wie sich neben den erhabensten Vorstell von Gott, dem Verhültniss der Menschen zu Gott, von Tugend und Unsterblichkeit die ärmsten, unbestimmtesten, verkehrtesten, ja unsittlichsten Begriffe finden und meist ganz allgemein sind. Neben dem seligen Zustand der Götter mit ewiger Jugend und Schönheit, voll Macht und Herrlichkeit findet sich, zumal im Homer, viel Jammer, Streit und Zank ¹³³); ihre ei- genen Wünsche bleiben oft unerfüllt; den ihnen zugefügten Schaden vermögen sie nicht abzuwenden; bei afer Weisheit werden sie selbst überlistet und betrogen. Sie, die Schützer des Rechtes, die Belohner der guten, die Rächer der bösen That, erscheinen nicht selten voll Leidenschaft, voll Selbstsucht, voll menschlicher Schwächen aller Art und der gemeinsten Sinnlichkeit ergeben. Glück und Unglück theilen sie oft nach Laune, nicht nach Recht und Verdienst, aus.

Das Fatum, das in idealer Auffassung die höhere Weltordnung, die Vorsehung re- präsentirt, wird oft zur gespenstigen Fratze, die allen Glauben an eine te, weise und gütige Weltregierung verscheucht; zu einer Macht, gegen deren Willkür selbst die Götter nicht schützen, da diese selbst ihm unterworfen sind. Vergessen wir dabei nicht, dass trotz aller Anstrengung bevorzugter Geister, trotz aller speculativen Thätigkeit der Phnceahen die Alten nichts erreicht haben, was entfernt dem Christenthum nahe küme. Die Erkenntniss der Gottheit blieb, da die übernatürliche Offenbarung verschwunden war, auf die natürliche der äussern Sinnenwelt beschränkt. Ja die Unterscheidung zwischen Gott und Welt, Geist und Natur blieb selbst für die Erleuchteten eine schwer zu lösende Aufgabe. Dieser mungelhaften Erkenntniss entsprach darum auch in mancher Hinsicht der Cultus oder die Götterverehrung. Menschenopfer blieben auch dem klassischen Alterthum nicht Fene fern, und der Cultus der ausschweifendsten Sinnlichkeit galt oft für Gottesdienst.

eber die Fortdauer der Seele und deren Zustand nach dem Tode herrschten im Allgemeinen die traurigsten, düstersten Vorstellungen oder eine durch nichts zu besiegende Ungewissheit, die selbst bei Ciccro kaum über den Zweifel, kaum über die Idee der Un- sterblichkeit im Nachruhm, dem höchsten Ziel des Weisen, hinausgieng. ¹³⁶) Dass der Einfluss so schwacher und schwankender Erkenntniss auf den sittlichen Zustand im Allgemeinen nur ein untergeordneter sein konnte, erscheint als ganz natürlich. Darum

entbehren selbst die vorhandenen Tugenden ihres tiefsten Grundes, des lebendigen Glaubens

1¹²*) S. E. v. Lassaulx, Studien, p. 177. ¹³²⁷) Cic. Tusc. an vielen Stellen. ¹²³) ib. 1, 31. ¹2⁶) S. z. B. Hom. II. 21, 385 511. 1¹²⁶b*)= Cic. pro Arek.§. 28 30. Tusc. 1, 15.

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