Aufsatz 
Über die klassischen Studien auf Gymnasien vom christlichen Standpunkt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

verbindet? würden wir uns nicht des vollen Verständnisses der Geschichte berauben und uns die Mittel entziehen, die urkundlichsten Quellen unsers Wissens, unsers Glaubens, unsers Berufes kennem zu lernen, wollten wir das Studium des Alterthums aus unseren Schulen verbannen oder auf ein geri Maass beschränken? Dass aber die richtige Kennt- miss der griechischen und umiachon Oprache naturgemäss nur aus den besten Quellen schöpft werden könne; dass diese Kenntniss ferner für ein gründliches Studium aller We senschaften, sowie für jeden wissenschaftlichen Beruf nothwendig sei, kann nicht unter haltbaren Gründen geleugnet werden; denn kein Gelehrter, sei er Theolog, Jurist, Philo- soph, Geschichtsforscher, sei er Arzt oder Naturforscher, kann ohne Kenntniss der alten Sprachen seinen Beruf gründlich erfassen und betreiben. ³⁰) Nicht minder wiechtig, als diese formalen und historischen Gründe, welche gradezu itive Geltung haben, sind die sittlich-religiösen Motive, welche das Studium und die der alten Klassiker für die Jugend besonders empfehlenswerth machen. Eine christliche Erziehung und christliche Lehrer vorausgesetzt, können die Klassiker, nämlich bei richtiger Erhfarung, ein bedeutendes Mittel, wenn auch in minder positiver Weise, für die sittlich-religiöse Bildung der Jugend werden. Denn führt die erwühnte Zucht des Geistes, die Arbeitslust, die Ueberwindung von Schwierigkeiten ohne Zweifel auch zu in- nerem Selbstvertrauen, zur Befestigung der Willenskraft in Entschluss und That; daneben auch zu bescheidenem Misstrauen in die eigene sittliche und geistige Kraft, die da niechts vermag ohne die höhere Weihe und Gnade: so wird noch höherer Gewinn erzielt durch die Aufmunterung zur Nachahmung grosser Männer ²³¹), die trotz ihrer unvollkommenen, oft getrübten Erkenntniss sich zu erhabener Tugend emporgerungen und zu ausge- Thaten begeistert haben; sittliche Grundsätze werden angeregt und befestigt. Fer Charakter gestählt; vor Allem aber wird durch den Gegensatz christlicher Erkenntniss und christlicher Sitte und Tugend Fegenber dem Heidenthum die Werthschätzung und Ver- des Christenthums als der einzigen weltbeglückenden Heilsanstalt so recht gefürdert und das Bewusstsein von seiner Wahrheit erhöhet.) Endlich wird das Walten der gött- lichen Vorsehung grade in dem Verhältniss des Griechen- und Römerthums zum Christen- thum veranschaulicht, wenn gezeigt wird, dass die griechische in ihrer üussern Form so vollendete Wissenschaft, d den Toltnchen Untergang des griechischen Volkes auf die Römer üdas geistige Mittel werden musste zur Erfassung und wissenschaftlichen Durchbildung der christlichen Lehre, während wiederum die staatliche Ausbreitung des Römerreichs über den ganzen damals bekannten Erdkreis die unglaublich schnelle Ver- breitung desselben möglich machte. So wird das Heidenthum selbst in dieser seiner pro- videntiellen Bestimmung als eine, wenn auch nicht absolut nothwendige, so doch gewiss nicht ohne Grund zu ſene Potenz in der sittlich-religiösen Entwicklung des Menschen- geschlechts erkannt werden, so recht gecignet, die Fülle der Zeit, von der die h. Sechrift spricht, anzuzeigen, in welcher der Erlöser kommen sollte. Denn wie sollte diese besser erkannt werden, als wenn man die Verkommenheit in Glaube und Tugend neben dem ent- schiedensten politischen Elend, das in der griechisch-römischen Welt hereingebrochen war, betrachtet, und zugleich die sichtbare Vorbereitung der Geister durch die herrschenden hilosophischen Systeme nicht unbeachtet lässt? Grade im Römerthum, als dem nächsten ermittler des Christenthums, fanden darum die epikuräische und stoische Philosophie als die extremsten Gegensätze von sinnlichem Lebensgenuss und einer oft bis zur Ascese ge- steigerten Moral ihre entschiedensten Anhänger. ³³) Dazu kommt schliesslich als nicht unbedeutendes Moment des religiösen Einflusses, welchen die Lektüre der Klassiker zu üben vermag, der Umstand, dass durch die Erkenntniss, wie trotz des Abfalls des Heiden- thums von der Uroffenbarung nicht alle höhere Einsicht in die wichtigsten Wahrheiten, nicht alle Tugend verloren gieng und unmöglich wurde, sowie durch die übrig gebliebenen

³⁰) Siehe Thiersch am angeführten Ort. ²¹) Siche Cic. pro Arch. 6, 14. Sall. Jug. 4, 5. ) Thiersch a. a. O. pag. 204. und Gräfenhan, Geschichte der klass. Philologie. Bonn 1843. S. Gräfenhan a. a. O. und Niebuhr's Brief an einen jungen Philologen. Herausgeg. von Dr. K. G. Jacob. Leipz. 1839.