den ersten christlichen Zeiten und während des ganzen Mittelalters, nicht erst seit der Re- naissance, wie Gaume behauptet, dafür gegolten und unter dem Schutze der Kirche, so weit es unter gegebenen Verhältnissen möglich war, es gewesen sind; drittens einige Grund- sätze aufstellen über die Methode, durch welche die Lektüre der Klassiker besonders auch dem religiös-sittlichen Zweck der Gymnasien mehr zu entsprechen im Stande sein werde.
Die Gründe nun, welche für den Gebrauch der Klassiker an unsern Gymnasien sprechen, aind cntweder formale oder historische oder ethisch-religiöse, je nachdem sie sich auf den Zweck formaler Geistesbildung oder den der Vorbereitung für wissenschaftlichen Beruf durch Ausstattung mit gelehrten Kenntnissen, oder endlich auf die Weckung, Belebung, Ausbildung und Festigung des sittlich-religiösen Gefühls beziehen. Sie sollen in Folgendem nur kurz berührt werden.
Wenn schon die Beschäftigung mit einer der Gegenwart in so weite Ferne gerückten Welt den Geist zwingt, aus dem Gewühl und Getrieb der Gegenwart sich zurückzuziehen und zu ernster Sammlung zu stimmen; wenn sie insbesondere das jugendliche Gemüth anregt, belebt, ja mit unnennbarem Reiz erfüllt und zu geistigem Streben mit fast un- widerstehlicher Gewalt fortzieht; so ist es ein nicht geringeyer Vorzug, dass das Abge- „chlossene und Vollendete in der geistigen Entwickelung dieser Welt, das Bestimmte, ge- nau Begränzte in den todten, keiner Veründerung mehr unterworfenen S rachen, mit ihren fertigen logischen und granmatischen Gesetaen, ein scharf abgegränztes Held zu regsamer, fleissiger Pomchung darbietet. Dazu kommt, dass die klassischen Völker des Alterthums die höchst mögliche Stufe rein menschlicher, natürlicher Geistesentwicklung erreicht und in Sprache, Literatur und Kunst Ausgezeichnetes geleistet haben. Darum ist in ihren sprachlichen Denkmälern die hohe Vollendung der Form, die innere Einheit, Harmonie und logische Schärfe der Gedanken, die musterhafte Composition des Ganzen, die Dispo- sition des Einzelnen in vorzüglichem Grade gceignet, den entschiedensten Einfluss auf die formale Geistesbildung zu üben, also den Verstand zu schärfen, das richtige Denken zu fördern, den Sinn für das Schöne zu erwecken, dessen Form und Wesen erfassen und verstehen zu lernen. Denn mehr, als in modernen Sprachen möglich ist, wird das Studium, welches zum Verständniss der trefflichen Darstellungen der Dichter, Geschichtschreiber und Redner nöthig ist; das Eindringen in die poetische Conception, in die Ausführung des poetischen Gedankens, in die Gliederung eines historischen Stoffes, in den periodischen und rhetorischen Bau einer Rede; wird das Auffassen der Sätze in ihrem Verhältniss zu einander und zum Ganzen; der streng grammatischen Form, der blübenden Gedankenfülle, des Reichthums an Bildern und Gleichnissen; wird die Schwierigkeit, das in fremder Sprache Gedachte sich vollkommen geistig anzueignen und ihm in der Muttersprache den entsprechenden Ausdruck zu geben, zu einer geistigen Gymnastik, welche in diesem Grade, in dicser Weise, mit dieser Schürfe durch nichts Anderes ersetzt werden kann. Da werden die höchsten Verrichtungen des Geistes von der einfachsten Wahrnehmung bis zur schwie- rigsten Abstraktion durch alle Kategorien der Trennung, Verbindung und Unterordnung geübt, der Geist gezügelt, zur eignen Fassung und Selbstbestimmung gewöhnt, zur Samm- lung und Aufmerksamkeit, zum Ueberwinden von äusseren und inneren Schwierigkeiten. gezwungen, vor Zerstreuung, Oberflächlichkeit, Armuth des Denkens, vor Erschlaffung und Erstarrung bewahrt; der Verstand an geregeltes Denken gewöhnt, die Phantasie be- lebt und bereichert, das Gedächtniss Besür.9
Zu diesen formalen Gründen, welche das Studium der alten Klassiker empfehlen und es zur nothwendigen Bedingung wissenschaftlicher Bildung machen, kommen auch noch die historischen Beziehungen, in welchen die klassische Gelehrsamkeit zur Bildung aller abendländischen Nationen und zu den verschiedenen wissenschaftlichen Berufsarten steht. Ruht ja doch unsere ganze Bildung auf der Grundlage griechischer und römischer Wissen-
schaft und Kunst. Hiesse es nicht die Brücke abbrechen, welche die alte und neue Welt
¹) Siehe die ausführliche Darlegung dieser kurzen Andeutungen bei Thiersch am angeführten Ort, 2. Abtk.:„Ueber den klass. Unterricht.“


