Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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An der Brücke läßt ſie halten:beſehen möcht' ich mein grünes Kränzchen, beſehen möcht' ich das goldne Ringlein(230). Von dieſen Zeichen der Jugend, des Mädchentums nimmt ſie damit für immer Abſchied. Und als ſie auf den Acker der Schwiegermutter kommt, ſtatt der Brüderzur Seite ritten jetzt lauter Schwäger, die Braut zu Thränen reizend(243). Durch den Wald fahrend, glaubt ſie traumverſunken die Mutter rufen zu hören, erkennt aber mit Schmerzen ihren Irrtum:ach nimmer, ach nimmer rief mich die Mutter, der Kuckuck, der bunte, rief nur im Walde. Und die Mutter? Still und leer iſt es im Hauſe geworden, leer die Klete der Tochter, und noch banger wird es ihr jetzt ums Herz(270):

Die Mutter geht zurück nun Und ſchließet zu die Kammer: Da iſt nicht mehr meine Tochter Und nicht der bunte Schrein mehr.

In den Dainos finden ſich zahlreiche Anſpielungen auf die im neuen Heim vorgenommenen Ceremonien, Abnehmen des Rautenkranzes, Auflöſen des jungfräulichen Haarzopfes, Verbergen deſſelben unter die Haube, Beſchenken der Mannesverwandten mit Leinwand u. a.(41. 226. 228). Mit böſen Ahnungen hat die junge Frau das Haus der Schwiegermutter betreten(243): da ward gewahr ich alsbald mein Elend am Thor der Schwiegermutter; und als ſie vor⸗ fuhr,die Schwiegermutter ſchielt hämiſch ſeitwärts(225). Ihre Trauer ſticht ſehr ab gegen die Feſtesluſt der andern(250):

An dem Tiſche ſitz' ich, Tanzet, frohe Tänzer, Sehe durch das Fenſter, Streichet, Muſikanten! Sah da frohe Tanzgeſellſchaft, Ach, ich armes junges Mädchen Die mich trübe ſtimmte. Fiel in bittres Elend.

Und nun beginnt für die Arme eine harte, böſe Zeit. Das Bangen, das Heimweh würde ja verwunden werden, obwohl es ſie ſtark genug erfaßt: der hohe Hügel wankt von ihren Seufzern, der klare Teich ſchwillt an von ihren Thränen, denn ferne iſt ihre Heimat, jenſeits des Waſſers, jenſeits der finſtern Wälder(274).

Ic gehe, gehe, Hier ſchwarzes Brot nur, In fremder Gegend zill hier nicht bleiben, Und das nicht einmal, Sind böſe Leute, Hier iſt nicht meine Heimat. Mein Herz thut mir ſo wehe. Und kalt iſt ihre Liebe(278).

Schlimmer als das iſt das liebloſe Verhalten der Schwiegermutter und der Schwägerinnen*), und ſie thut doch alles, was ſie ihnen an den Augen abſehen kann(229):

Ich werde aufſtehn Der Schwiegermutter Auch ungewecket, Das Feuer ſchüren, Das Feuer ſchüren Den Schwägerinnen Auch unbefohlen. Das Waſſer holen.

Der Mann, der ſie gegen ſolche Quälereien ſchützen müßte, nimmt die Partei ſeiner Familie und verteidigt ſie gegen ſeine Mutter ſelten ſo energiſch wie in Daina 40:

1. Und es ſprach der Knabe, 2. Dort in jener Kammer Wollte mich entſchuld'gen: Drehte ſie die Mühle, Mehr als andre war mein Aber deine Träge Liebchen bei der Arbeit. Schlief noch in der Kammer.

Bl. 1843, Bd. 32, 274. 1847 Bd. 2, 241) erinnern noch aan die nicht auf die Litauer beſchränkten roheren

Urzuſtände(Peſchel Völkerkunde 5. A. 225), wo Entführung der Frau Regel war. Es giebt Dainos,

welche dieſen Zuſtand noch vorausſetzen(2046: die Schweſter iſt entführt, und die Brüder reiten ihr nach). Sie leben im Munde des Volks, ohne doch noch eine Bedeutung zu haben, ſind alſo ſehr alt, oder doch von

einem alten Typus beeinflußt. Möglich, daß man, als die eigentliche Bedeutung nicht mehr gekannt wurde,

ſolche Lieder daraus machte, welche die Entführung des lit. Mädchens durch Polen oder Ruſſen zum Motiv aben.

.») Es iſt öfter bemerkt worden, daß während Schwiegermutter und Schwägerinnen der Frau in den Dainos ſtets böſe und hart ſind, der Schwiegervater überhaupt nicht erwähnt wird. Auch bei andern Völkern iſt die Schwiegermutter ja aͤhnlich gezeichnet, bei uns mehr im Sprichwort, während im Volkslied die Stief⸗ mutter das böſe Prinzip iſt; aber die junge Litauerin war noch beſonders übel dran, da ſie mit ihrem Manne ſelten in eigenem Hauſe, ſondern unter den Augen der Verwandten des Mannes lebte. Da iſt die Trauer und die Furcht des lit. Mädchens vor der Hochzeit natürlich, und ſo darf uns auch ein urkräftiger Wunſch aus dem Herzen einer ſchwer bedrängten lit. Schm egertachter(freilich aus dem poln. Litauen) nicht befremden:

Ihr Donner, ihr Blitze, zerſchmettert die Schwiegermutter, damit ich ſelbſt Freiheit habe, die Schlüſſel er⸗ küngen zu laſſen!(Mannhardt a. a. O. 317).