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ſtatt, und das junge Paar mit ſeinem Gefolge bereitet ſich zur Abreiſe vor. Die junge Frau ſitzt in Trauer:„wo ſie ſinnend auf die Hand ſich ſtützte, da erblühte eine weiße Lilie, und die Erde faßte nicht die Thränen“(241). Wagen treffen ein, um die Ausſtattung abzuholen, und es iſt ſo natürlich und poetiſch ſchön, daß dieſe äußeren Vorgänge ihren Schmerz ver⸗ ſchärfen, denn es iſt wieder ein Schritt näher zur Trennung(222):
Und ſchon führt man meinen Brautſchatz Wo die Räder tief einſchnitten, In die fremde Gegend,. Riſſen durch die Stricke; Wagen ſind da zwei bis dreie, Als entzwei die Stricke riſſen, Roſſe ſind da fünf bis ſechſe, War das Herz des jungen Mädchens
Und die Führer alle. Tief erfüllt mit Trauer. . Als ich hinſchritt durch die Kammer, Wankte gar der Boden; da der Kammer Boden wankte, nd von meinem Antlitz nieder Rollten bittre Thränen.
Von ferne aber ertönt noch das Dröhnen und Poltern der Wagen, und ſie weint laut auf(406).— Auch die Mutter iſt tieftraurig, ſie weint und ſteht an der Tochter Seite; es iſt rührend, wie ſie einander tröſten, obſchon jede doch ſelbſt des Troſtes bedarf(257):
Still, nicht weine, liebe Mutter, Still, beruhige dein Herzchen, Bin nicht die erſte, Bin auch nicht die letzte,. Es bleiben bei dir „Poch mehre Schweſtern.
Schwer fällt ihr jetzt alles auf die Seele, wodurch ſie einſt die liebe Mutter gekränkt hat (263). Da dunkelt der Abend hernieder, der Hochzeitswagen ſteht ſchon vor der Thüre, es muß geſchieden ſein. Nun beginnen beim Abſchiede die rührenden Klagen, die ähnlich wie ſie Prätorius als etwas uralt Herkömmliches aufgezeichnet hat(82)*), in den Dainos zu finden ſind(227), und hin fährt der Wagen, von den Brüdern zu Pferde begleitet.**)
wenn das Volk nicht etwa in ſeinem innerſten Weſen durch gewaltſame Ereigniſſe erſchüttert und auf fremde Entnicelungabaduen geleitet wird, was bei den Litauern nicht zutrifft, in alten Anſchauungen und Formeln. Selbſt bei der Homeriſchen Poeſie iſt das zu bemerken, und bei einem ſo hochkonſervativen, von der Kulturwelt abgelegen ein gleichmäßig einförmiges Daſein führenden Volke, wie den Litauern, iſt das gewiß der Fall. Das Konventionelle und Formelhafte zeigt ſich in den vielen gleichen oder ähnlichen Anfangs⸗ ſtrophen, in der oft ähnlichen oder ganz gleichen Situationsmalerei, in der häufigen Wiederkehr derſelben Motive, Bilder und Vergleiche und in der Zuſammenfaſſung nicht zuſammen gehörender, aber zu derſelben Melodie paſſenden Strophen zu einer Daina, welche, wie Neſſelmann Vorr. VII(ausführlicher Pr. Prov. Bl. 1851 XII 182: zur Kritik des lit. Volksliedes) bemerkt, die kritiſche Herſtellung einer Daina aus ver⸗ ſchiedenen Aufzeichnungen zur Notwendigkeit macht.(Man könnte noch einen Schritt weiter gehen: es fällt auf, daß Lieder ähnlichen Inhalts gleiches Metrum haben; ſo 229= 244. 230,= 259. 271, 108 und 282 mit ähnlicher Situation, aber verſchiedener Pointe. Wenn man alle Lieder mit gleichem Metrum oder gleicher Melodie einmal zuſammenſtellte, könnte man vielleicht erſehen, was Urtypus, Formel und Konventionelles iſt, und wie ſie wirken, und könnte dann auch auf dieſem Wege zu den auch von Bezzenberger verlangten Urdainos kommen(Lit. Forſch. X))). Als die Urtypen der Dainos entſtanden— es ſind im Grunde nicht o viele, wenn ſchon die Einzelzüge in herrlicher poetiſcher Fülle zu finden ſind— hatten die Litauer as Chriſtentum wohl noch gar nicht oder nur als außere Form angenommen. In den erſten Jahrhunderten geſchah gar wenig für die Verinnerlichung deſſelben, und das zu Prätorius' und Lep⸗ ners Zeit noch tiefwurzelnde Zauberweſen(über Aberglauben von heute Bezzenberger lit. Forſch. 61—95), wogegen ſich manche Regierungserlaſſe richteten(Neue Pr. Prov. Bl. 1852 1 240), beweiſt, daß die Litauer noch um 1700 eigentlich mehr Heiden als Chriſten waren. Können da die Dainos tiefere Vesichungen zum Chriſtentum aufweiſen? Denn obſchon auch heute noch Dainos gedichtet, improviſiert werden(Kurſchat Gram. 444), ſo iſt's doch wohl nur ein Hantieren mit den alten hochpoetiſchen Formeln und Anſchauungen, wahr⸗ haft neue werden wohl nicht erfunden, der nationale Geiſt iſt nicht mehr ſtark genug dazu. Iſt doch auch faſt die ganze nachhomeriſche Epik kaum etwas mehr, als ein Arbeiten mit Homeriſchen Formen und Homeriſchen Anſchauungen und nicht einmal immer ein verſtändnisinniges Arbeiten. Erſt in der Zeit, als der Typen ſchaffende poetiſche Geiſt der Litauer erlahmte, verinnerlichte ſich ihnen das Chriſtentum und konnte daher keinen tieferen poetiſchen Ausruck mehr bekommen.(IUeber die mißverſtändliche Konfundierung heidniſcher und chriſtlicher Typen bei den verwandten Letten ſ. Mannhardt a. a. O. 87. 295).. 3 *)„Ohl oh! Mütterchen, wer wird dein Feuerchen zuſammenfegen! wer wird dein Bettchen machen! oh! oh! nun werd ich aus meines Vaters Haus, wer wird nun meinem lieben Vater, meiner lieben Mutter treulich dienen! Wer wird das Vieh in acht nehmen mit Füttern und Tränken!“ u. ſ. w. **) Manche Hochzeitsgebräuche(beſchrieben von Lepner 35 ff. Prätorius 69 ff., Giſevius Pr. Prov.


