Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4. Als ich kam geritten 5. Und als ich hinaufritt 6. Und als ich nun abſtieg An den Hof des Schwiegers, Auf den Hof des Schwiegers, Von dem braunen Pferde, ffnete mein liebes Mädchen, Hießen mich die jungen Schwäger Kam die alte Schwiegermutter, Offnete das Hofthor. Von dem Pferde ſteigen. Führt' mich in die Kammer.

7. Und als ich hineinging 8. Als ich auf das Stühlchen 9. Wie mir ſüß, ja ſüß war, In die neue Kammer, Mich geſetzt nun hatte, Dieſer ſüße Methtrank,

Kam mein liebes junges Mädchen, Trank ich meinem lieben Mädchen Ach, ſo ſüß iſt, ach ſo lieb iſt Reichte einen Stuhl mir. Zu mit ſüßem Methtrank. Mir mein junges Mädchen.

Wollte man ihn fragen, was er ſich noch wünſchte, er wüßte es nicht zu ſagen. Lepner(93) hebt das ruhige, verſtändige Benehmen des jungen Paares hervor und urteilt dabei über deutſche Art nicht eben günſtig. Das findet einen Beleg in den Dainos: Liebkoſungen, an welche Lepner wohl denkt, finden wir in ihnen kaum, und es iſt ſicher ſehr bezeichnend, daß die einzige dieſer Art, die uns auffiel, einer Toten gilt(367mein bleiches Antlitz noch reuig küſſend). Ein einfaches, aber bezeichnendes Beiwort, ein einfacher, aber deſto ſchönerer anſchau⸗ licher Vergleich malt die Reize der Geliebten(ſchwarzäugig, pajudakyte, blondlockig, mit weißen Händen, Mond zwiſchen Sternen u. a.). Das Leben ſcheint dem Litauer zu ernſt, als daß er tändeln ſollte ſelbſt in dieſer Zeit.

Der Hochzeitstag naht. Die Lieder, welche den bangen Schmerz der Braut über das Scheiden aus dem Elternhauſe ſchildern, ſind überaus zart und ſchön. Alle im Hauſe trauern. Die Mutter arbeitet in der neuen Klete am Leinenſchreine und vergießt heiße Thränen ſchon früh am Morgen. Alle Vorbereitungen ſchneiden der Tochter ins Herz, die Hochzeitsgaben, die ihr gezeigt werden, berühren ſie nur ſchmerzlich, ſie weiſt alles ab(270):

Traurig, ſchmerzvoll iſt das Herz mir, Leid iſt mir's um die Jugend. Und wie klagt ſie(226):

Was blies der Wind nur? Es blies der Wind nicht, Die Schweſter weinet, Was ſtöhnt' der Wald nur? Der Wald nicht ſtöhnte, Die junge klaget, Warum ſchwankte die Lilie? Es ſchwankte nicht die Lilie. Ihr grünes Kranzchen ſchwankte.

Sie möchte noch ſo gerne bleiben:will der lieben Mutter gern das Bettchen machen, will der guten Alten glatt ihr Köpfchen ſtreicheln(190), und vorwurfsvoll fragt ſie:Bin ich dir nicht lieb mehr? Kannſt Du mich nicht mehr leiden?(232). Und jetzt bricht die letzte Nacht an, die ihr im Elternhauſe vergönnt iſt, und das Herz klammert ſich an ſie und möchte ihr ewige Dauer verleihen(223):

Doch iſt mein Herz betrübt um meine Tage, O laßt recht lange währen dieſe Nacht nur,

Da ich hinaus ſoll, ach in weite Ferne, Daß mir's vergonnt ſei, länger hier zu weilen,

Da ich verlaſſen ſoll die teure Mutter. Mit meiner lieben Mutter noch zu koſen.

O krähet nicht, ihr lieben bunten Hähne!

Auch die Mutter wünſcht ihr langen, ruhigen Schlaf und bittet Nachtigall und Kuckuck, die unter dem hellen Fenſter rufen, die Tochter nicht zu wecken(259). Allein(232):

Die Hähne krähen, Vom Baum die Blätter, Die Roſen blühen, Die Apfel fallen,

Auch dir bricht an, o Schweſter, Es fallen heiße Thranen

Der Jugendtage letzter. Dem Schweſterchen vom Antlitz.

An dieſem Tage iſt ſie ſchonGaſt im Hauſe(243).Es füllt ganz der Hof ſich mit geputzten Gäſten, um die weißen Tiſche ſitzen junge Schwägerinnen(237). Die Trauung') findet

*) In den Aufſätzen über das lit. Volkslied finden wir die Bemerkung, daß in keiner Daina ſich irgend eine Beziehung zum Chriſtentum finde, während alte lit. Götter, Perkunas, Zemyna(Erde), Laima öfter er⸗ wähnt würden; kein kirchlicher Gebrauch würde angedeutet; Geburt und Hochzeit, aber keine Taufe und Trauung(Neſſelmann Vorr. XIII Hagen a. O. 263). Doch in Neſſelmanns Sammlung ſelbſt finden ſich einige dieſem widerſprechende Stellen: 314 will der junge Burſche durch eine Proklamation am nächſten Sonn⸗ tag bei Glockengeläute allen Verleumdungen ein Ende machen. 148 wird eine Trauung in der Kirche er⸗ wähnt. 132 wird der Geiſtliche in Ragnit, der die Trauung vollzieht, mit einem Nelkenſtrauße beſchenkt. 344 werden Geiſtliche aufgefordert, dem toten Krieger das Geleite zu geben; die Glöckner ſollen die Glocken dabei giehen. 360 wird an eine Totenfeier gedacht, bei der Glocke und Orgel traurig erklingen. Und endlich das oft erwähnte Kreuz auf dem Grabhügel iſt doch auch etwas Chritliches. Freilich tiefere Beziehungen zum Chriſtentum findet man nicht, und es iſt auffällig genug, da der Litauer heute ſo kirchlich iſt, daß ihm ſein Pfarrer für ſehne geiſtlichen Bedürfniſſe oft gar nicht genügt, und er mit Gleichgeſinnten Konventikel bildet, deren Zahl allerdings nicht immer im gleichen Verhältnis zur Moral der Gegend keßt die ſoge⸗ nannten Maldeninker(Betbrüder). Man wird es ſich aber erklären können. Jede Volkspoeſie bewegt ſich, 4