Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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werden. In unſeren Dainos wird dieſelbe meiſt durch den Burſchen ſelbſt vorgebracht, und das Verſprechen wird oft von den Eltern gegeben, ohne die Tochter zu fragen; manchmal in leicht⸗ ſinniger Weiſe, wenn der alus, das gelbe Bier, ein höheres Stadium von Gemütlichkeit erzeugt hat. Lepner erzählt nämlich, daß ſie nach dem Gottesdienſt mit der ganzen Familie in den Krug zu gehen pflegen, und daß bei dieſer Gelegenheit eine Art Brautſchau oder gar Verlobung ſtatt⸗ findet. Was zugeſagt iſt, das muß gehalten werden, iſt ein litauiſches Sprichwort(Lepner 53), und daher iſt manchmal die vergebliche Reue am andern Tage nicht gering. Unübertrefflich iſt ſolch ein wenig angenehmer Zuſtand in folgender Daina geſchildert(330); man beachte nur die letzte Strophe von dem traurigen, hohlen Klange der leeren Tonnen:

Die Zithern tönen Ach geſtern Abend

Und die Trompeten, Hatt' ich getrunken,

Die Mutter ſchleichet Verſagt da habe

Umher in Thränen. Ich meine Tochter.

Huſammen lud ich ie ganze Sippſchaft,

Doch heute, heute,

Da bin ich nüchtern,

Da jammert ſehr mich

Die junge Tochter. Doch alle Tonnen, 1 Wie hohl ſie tönen!

Von einer Tonne Und heimwärts gehen Zur andern geh ich. Die jungen Gäſte. Mich hat man jung vertrunken(mane jauna pragére), klagt das Mädchen, indem es ſein Schickſal mit dem des Hopfens vergleicht(265). Doch iſt bei ſolchen Klagen nicht immer an voreiliges Verſprechen zu denken; ſie beziehen ſich wohl auf die Verlobungsfeierlichkeiten, die, wie Prätorius(78) berichtet, erſt nach völliger Einigung ſtattfinden. Es muß hervorgehoben werden, daß bei der Wahl der Frau vorzugsweiſe auf perſönliche Tüchtigkeit geſehen wird; der reiersmann ſpricht bei ſeiner Werbung die charakteriſtiſche Formel:ich ſuche eine Müllerin, arkerin, Arbeiterin, Haushälterin u. ſ. w.(Prätorius 71]), und der ſelbſt werbende Jüngling läßt ſich durch einen Flitterkranz abſchrecken und nimmt das Mädchen mit dem ſoliden Rauten⸗ kranze(64): Solche grüne Rautenkränze Sind des Hofs Segen, Aber blanke Flitterkränze Sind des Hofs Verderben.

Das Mädchen nimmt ſich das Verſprechen ſehr zu Herzen; es trauert um ſeine Jugendtage und redet das Rautenkränzchen an(239):

1. Ach, mein liebes Kränzchen, Du mein trautes, grünes, Heute abends auf dem Kopfe.

3. Nehmen mir das Kränzchen, Setzen mir die Haube Auf den Kopf als ſchwere Bürde.

5. Ach, mein grünes Kränzchen, Meine grüne Zierde, Iſt ſo leicht auf meinem Kopfe.

2. Aber morgen frühe, Kaum geht auf die Sonne, Nehmen ſie dich mir vom Kopfe.

4. Bürde meinem Haupte, Trauer meinem Herzen; Ach, und lauter eitel Sorgen.

6. Leichte Laſt dem Haupte, Freude meinem Herzen Und ich weiß von keiner Gorge.

Sie weint auf dem Lilienbeet ſitzend, und der Bruder kann ſie kaum tröſten mit Hinweis auf die lange Zeit bis zur Hochzeit und die Trefflichkeit des Bräutigams. Dieſer beſucht das Mädchen, zu Nachen oder zu Pferde. Die ganze Woche traurig, wird er erſt am Samſtag vergnügt, hantiert im Pferdeſtalle herum und erzählt dem Braunen, wohin die Reiſe gehen wird. Der alte Schwiegervater macht ſelbſt das Hofthor auf, die Mutter nötigt ihn in die neue Kammer, ſich an den weißen Tiſch zu ſetzen, und da kommt auch ſchon das Mädchen aus dem Rautengarten, Blumen in den weißen Händen. Möge eine Daina, wo das ungetrübte, ruhige, ſichere, von dem oben geſchilderten, angefeindeten heimlichen Verhältnis ſo ſehr abſtechende, Glück gemalt iſt, eine Stelle finden(404):. 1. Als ich hingeritten 2. War noch nicht geritten

da dem lieben Mädchen, Auf den halben Weg ich,

i, das war ein heit'res Tagchen, Da begannen ſchon zu krähen War ein ſtiller Abend. Schwiegervaters Hähne.

3. War noch nicht geritten Bis zum Hof des Schwiegers, Bellten ſchon die bunten Hunde Meines Schwiegervaters.