Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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Oder ſollte die Untreue ihres Knaben die Schuld tragen, wie in 375: Ei, mein lieber Knabe, Wirſt mich dann beſuchen, Du mein junger Burſche, Wenn du mich nicht findeſt? Warum, ach, beſuchſt du Wirſt du dann beſuchen, Nicht dein liebes Mädchen? Mich, dein junges Mädchen? oder, wie es ſcheint, ſein Wankelmut in 372:

Durchs Birkenwäldchen, Und wenn ich reite Und wenn ich reite Durchs Fichtenwäldchen Nah an den Hof hin, Nun auf den Hof zu, Trug mich mein lieber Brauner Dann ſtehe ſtill, mein Pferdchen, Dann ſpringe, liebes Pferdchen, Zu Schwiegervaters Hofe. Dann mach' ich auf das Hofthor. Dann ſpringe, lieber Brauner! Seid mir gegrüßet, Krank iſt das Mädchen, Schnell übern Hof hin hr Schwiegereltern! krank recht ernſtlich, Ging ich da weinend, das macht mein liebes Mädchen? ort in der neuen Kammer Doch als ich an die Thür' kam, Was macht die junge, zarte? Liegt ſie auf buntem Bettchen. Da trocknet' ich die Thränen. 8c faßt' ihr Händchen, Nicht werd' geſund ich, teckt ihr den Ring auf: Werd' nicht die deine. Geht's mit dir beſſer, Mädchen? Du wirſt mich nicht betrauern, Wirſt bald geſund, mein Herzchen? Wirſt bald nach andern ſehen.

Durch dieſe Pforte

Tragt ihr hinaus mich, Durch jene kommen Gäſte: Gefällt dir's junge Mädchen, Gefällt dir's junge Mädchen?

Man muß ſich vorſtellen, wie ſie die letzten Worte, mit vergeiſterten Augen nach der Thüre ſtarrend und mit welker, bleicher Hand dahin weiſend, ſpricht, und man wird ein Mitleid empfinden, ähnlich wie beim Anblick der armen Ophelia. Das Motiv des kranken, ſterbenden Mädchens, derſterbenden Blume, gehört überhaupt zu dem Schönſten und Zarteſten in der litauiſchen Poeſie. Das Süjet iſt ja an und für ſich ſo rührend, daß die Dichter aller Nationen es ſich nicht haben entgehen laſſen(z. B. Hölty: Elegie auf ein Landmädchen). Da bedarf es gar keiner Motivierung des Todes, das dunkle Verhängnis und die lichte, zarte Geſtalt dieſer Kontraſt wirkt ſchon an ſich tief poetiſch. So in jener Daina(376) mit dem ergreifen⸗ den Refrain:

Steh auf mein Mädchen,

Mein ſüßes Herzchen!

Haſt noch nicht ausgeſchlafen? der auch dann noch in ſchneidigem Kontraſt ertönt, als ſie ins Grab geſenkt wird. Weniger ſtimmungsvoll und wohl auch ſeltener wird des Todes des Jünglings gedacht; wir möchten aber auf eine Daina wenigſtens aufmerkſam machen, welche zeigt, wie Tiefe und Wahrheit der Empfindung nur im einfachen Gewande erſcheinen(377):

1. In jenem Walde 2. Gar ſchöne Blumen 3. Und auf dem Grabmal ort unter Linden Auf ſeinem Grabe, Da hängt ein Kränzchen Da liegt mein lieber Knabe. Und auch ein ſchönes Grabmal. Von blauen Amaranten. 4. Auf jener Linde 5. Und auf den Stein dort 6. Da will ich weinen, Bei ſeinem Grabe dur Seit' der Linde Da will ich klagen Die Nachtigall da flötet. etz' ich mich jeden Abend. Um meinen lieben Knaben.

Wenn aber auch das Ziel der Liebe, ſelbſt der heimlichen, angefeindeten, erreicht wird, ſo hören wir doch nichts von dem Glück der Ehe. Sie ſcheint der Poeſie nicht hold zu ſein und drückt ſolche Stimmungen, die poetiſche Blüten treiben könnten, nieder. Der Litauer heiratet früh, ſeinem Wort getreu:jung gefreit laß dich nicht gereuen; die Söhne werden heranwachſen wie Brüder, die Töchter wie Schweſtern(Schleicher a. a. O. 179). Lepner(29) und Prätorius (70) berichten, daß wenn die Eltern zur Erleichterung ihres Alters eine Arbeitskraft erwerben wollen, ſie für ihre Kinder werben laſſen. Schwiegerſohn und Schwiegertochter werden im Hauſe wie Knecht und Magd gehalten, was durch eine Daina(244) beſtätigt wird, wo von der Schwiegertochter geradezu das Wort sluziju⸗dienen gebraucht wird. Sehr oft leben ſo mehrere Familien auf einem Hofe nebeneinander, und Lepner rühmt ihre Verträglichkeit, die bei Deutſchen unter gleichen Verhältniſſen nicht zu finden wäre. Die Werbung durch den Freiersmann be⸗ ſchreibt Lepner ausführlich(29) und verſichert, daß ausgeteilte Körbe nicht übel genommen