Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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Kerze ſpinnend angetroffen(57). Ihr mädchenhafter Sinn ſteht aber noch nicht darnach. Sie eilt aus ihrer Klete über den Hof und klagt es der Mutter, als das Roß des zum erſtenmal kommenden Freiers die Rauten zertrat(49). Und als er ins Haus kommt, erfaßt ſie bange Unruhe(56): Die Arbeit, die blieb liegen, Und nachts konnt' ich nicht ſchlafen; ch ſtützte müde ie weißen Arme Wohl auf die bunten Pfühle.

Sie weiſt ihn auch wohl ab, und es dauert lange, bis ſich ihr ſtolzer Sinn ergiebt(176. 298). Nicht immer trifft der Herzenswunſch der Kinder mit den Plänen der Eltern zuſammen. Meiſtens fügen ſich die erſteren, wenn über ſie eine Beſtimmung getroffen iſt, und das individuelle Ge⸗ fühl tritt zurück(S. 27). So haben es die Eltern ja ſelbſt erfahren, und die eigenen Kinder werden es einſt nicht anders wiſſen. Aber auch von heimlicher Liebe ſingen die Dainos, von offenem Widerſtande gegen die anderes planende Familie und kummervollem Tode. Vater und Mutter ſchelten, wenn ſie ſich am Fluſſe treffen, er Pferde tränkend, ſie Wäſche ſpülend(152). Und der Burſche ſattelt ſein Pferd und reitet die ganze Nacht auf ödem Wege, um dieWeberin zu ſehen(219). Der alte Vater merkt es an dem erhitzten Dunkelbraunen, iſt aber damit einver⸗ ſtanden, und als der Sohn das Mädchen in ſein Heim holt, erwartet er ſie bis Mitternacht und öffnet ſelbſt das große Hofthor(132. ſ. S. 19). Selten aber ſind die Eltern ſo nach⸗ giebig. Der Vater fragt, wo der feuchte Nebel des Sohnes Hut, und die Mutter in dem Parallelliede, wo er der Tochter Kranz befallen habe. Als ſie es zu verreden ſuchen, er hätte nachts die Pferde gehütet, ſie früh morgens Waſſer geholt, wird ihnen vorgehalten, ſie hätten einander übers Feld nach Hauſe begleitet. Und der Sohn, der ſeinliebes Mädchen nicht in den Staub treten laſſen will, verläßt bitter weinend das Elternhaus(303). Die Lieder dieſer Art durchlaufen die ganze Gefühlsſkala:

36 weiß wohl, ich weiß wohl, och ſag' ich's nimmer, Wo mein Geliebter wohnet(103)

ertönt es jubelnd wie Lerchenlied im leuchtenden Frühling und am Ende dumpf wie Grab⸗ geſang(369):

Dies Jahr ſchon ſcheid' ich Von Meinem anahen,ch ies Jahr ſchon leg' i Mich 8 den Purhe9pete ſchwarzen. Und was liegt nicht alles zwiſchen dieſem Anfang und dieſem Ende! Beim erſten Sehen wird der ſonnverbrannte Burſche, der Tags über mit ſchwerer Zoche Furchen in den Boden ſchneidet, ganz ſentimental zum erſtenmal in ſeinem Leben und wohl auch zum letzten(106):

Wenn ich nur wüßte, 35 möcht' mich hängen Da iſt die Stelle,

Ob mein ſie würde, n ihrem Nacken Wo ſie geſeſſen,

Setzt' ich mich ihr zur Seite. Und Liebesworte reden. Wo ſie die Schuhe anzog. Da iſt der Spiegel, Das iſt das Plätzchen, Wo fe geſtanden, 5 Wo ſe geſtanden, Wo ſie den Kranz geordnet. Wo ſie wuſch ihr Geſichtchen.

Noch iſt die Ausſprache nicht erfolgt, dareden ſchon die Menſchen manch böſes Wört⸗ lein, wie es ſo geht, und ſie muß ihn meiden vor den Leuten(312). Und iſt's geſchehen, haben ſich die Herzen einander geöffnet, dann beginnen die Verleumdungen(315):

cch geh' durch's Dörfchen, Und wenn ohn' Ende Horch durch die Wand hin, er ſie auch ſcheltet,

a ſchelten, ſchelten ſie mein Mädchen. icht aus dem Sinn ihr mir ſie ſcheltet. Wenn auch mit Hecken Die Hecken faulen, der ſie umzäunet, Der Zaun wird fallen,

ohl übers weite, breite Haff hin. Es treffen doch ſich Liebesworte.