Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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dieſer weichen Trauer ſpricht aber auch Mut und Patriotismus aus dem Alten(25): er weint zwar, denn jung iſt das liebe Söhnchenund ſchwach auch an Erfahrung; und doch: d

Steh nur feſt!

Nere nich 5 hne im Angeſicht!

ehalt' die Fahne im Angeſi⸗

Sollteſt du auch fallen,

Stirbſt du doch in Ehren.

Dir wird Ehre noch im Sarg,

Noch im Grabe denkt man dein.

Wie Trommelwirbel tönt dieſe als Refrain in jeder Strophe wiederkehrende Mahnung. Die Kameraden berichten von ſeinen Thatenauf waffenbeſäetem Schlachtfelde da fällt er: ſchon liegt, ſchon ſchlummert mein liebes Söhnchen; der Tau träuft nieder auf ſeinen Hügel, und ergreifend ſetzt jetzt der Trommelwirbelrefrain noch einmal ein:ſteh nur feſt, zittre nicht, behalt' die Fahne im Angeſicht!*)

Wer könnte den Born der in der Familie quellenden Liebe erſchöpfen! Sie wird in der ganzen folgenden Darſtellung des Familienlebens immer wieder hervortreten. Mit dem Scheiden des Sohnes, ſeinem Tode in der Schlacht dringt der erſte Schmerz in das glückliche Haus. Bald wird auch die Tochter es verlaſſen, um dem Manne zu folgen. Die Mutter ſieht es voraus und arbeitet ſorglich an der Ausſtattung. Sie wird von der Tochter, die aus dem Kreiſe der Freundinnen ſpät nach Hauſe kommt, noch wachend und bei dem matten Schein einer

*) Lit. Tikt stowék! Ne drebék!

Ant weluko wis ziurék! 4 1

Solche und ähnliche wirkungsvollen Reime dürften die Anſicht von der Reimloſigkeit der lit. Poeſie doch modifizieren. Man hat die nicht wegzuleugnenden Reime als nur zufällig durch den Gleichklang der überaus gehäuften und der deutſchen Ueberſetzung nicht anſtehenden Deminutiva herbeigeführt erklären wollen. Dagegen wendet Bezzenberger(Lit. Forſch. IX) mit Recht ein, daß trotz der reichen Auswahl der Deminutiv⸗ endungen ſich doch gerade die reimenden in den Versenden entſprächen. Nach Neſſelmanns Theorie(Vorw. IX), durchgeführter Reim bewieſe unlitauiſchen Urſprung, müßte die freilich kurze aber immerhin vier Reimpaare enthaltende ſchöne Daina 110(ähnlich 104) unecht ſein. In manchen Liedern bilden die durch Reime ver⸗ bundenen Verſe die Majorität, ſo in 75. 232; in letzterem ſind die Reime freilich nicht immer ganz rein, aber ſolche Freiheit nimmt ſich doch auch die deutſche Volkspoeſie. In einer ſicherlich echten, ſchönen Daina(135) ſchließen Reime mit nicht zu verkennender Abſicht jede Strophe ab. Wollte man das und vieles andere auf Zufall und die bequemen Deminutwendungen ſchieben und Bezzenbergers Einwand nict elten laſſen, ſo würde man eine Art von poetiſcherpräſtabilierter Harmonie annehmen müſſen. a der Reim ur⸗ ſprünglich und die vorliegende Form der Dainos eine Auflöſung deſſelben ſei, was Bezzenberger für möglich hält, ſcheint doch höchſt unwahrſcheinlich bei einem ſo muſikaliſch angelegten Volke, das ſo viele gereimte Rätſel hat und ſich dieſes muſikaliſche Element kaum hätte entgehen laſſen. Vielleicht könnte man die Dainos mit der deutſchen Poeſie des 9. Jahrhunderts vergleichen, in welchem der Endreim um ſeine Herrſchaft zu kämpfen beginnt; bis er dieſe in der Volkspoeſie begründele, iſt er wohl nur ſporadiſch aufge⸗ treten. So möchte es vielleicht in der lit. Volkspoeſie ſein, und die verſchiedenen Grade der Reinheit des Reims und der Häufigkeit ſeines Vorkommens bezeichneten dann Etappen auf ſeiner Siegesbahn, deren Ziel, die vollſtändige Herrſchaft, er aber nicht erreicht hat. Doch energiſch ſcheint er ſich Bahn zu brechen. Auch kann man vermuten, daß der Reim nicht bloß, wie Hagen vermittelnd meint(N. Pr. Prov. Bl. 1846 II. 294), die Melodie tragen hilft, ſondern auch inhaltlich etwas Auszeichnendes hat und haben ſoll. Das ſcheint

uns z. B. zuzutreffen bei den Reimen kalbuzate dumnuzate, giliausia meiliausia(5, ſ. S. 16) welche Strophe Neſſelmann überſetzt:Komm, laß uns ein Wörtchen koſen, laß uns träumen ſüße Träume, wo die Quell am tiefſten und die Lieb' am liebſten. Die Aſſonanz(tiefſten liebſten) in Ermanglung

eines Reimes hat N. wohl nicht abſichtslos hineingebracht; er fühlte es wohl, daß dieſe Verſe, welche hold ſchmeicheln und einladen ſollten, ſich zu dieſem Zwecke des Reims, wo ſich ja auch Wort zu Wort wie ein Liebespaar traulich geſellt, höchſt paſſend und ſchön bedienen. Ebenſo wirkungsvoll wie hier und in 25 iſt der Reim in einer anderen Daina(104, f. S. 31) angewandt bei zwei kurzen Verſen in der Mitte jeder Stkophe. in denen, durch die Kürze unterſtützt, energiſch der Hauptſinn und Hauptaffekt ſich zuſammendrängt; z. B. Str. 3.

Amzinay Ewiglich

Nekaday nun und nie

21 jo atsikreiptis Mich von ihm zu trennen..

Um zu einem deſinitiven Reſultat zu gelangen, müßte man die Dainos auf den Reim hin mit philologiſcher Akribie unterſuchen und auch darauf achten, ob nicht gewiſſe, inhaltlich hervorragende Stellen Errbauſche, gnomiſche) mit dem Reim ausgezeichnet ſind; ſicherlich werden es nicht die unbedeutendſten Stellen ſein, welche den Reim gern annehmen. Auch der Zuſammenhang des Reimes mit der Melodie, von dem Hagen ſpricht, wäre dann ins Auge zu faſſen..