Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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Schweſterloſe kennt nicht ein köſtliches, mit anderem überhaupt nicht zu vergleichendes Gut. Das Gefühl dafür weht uns aus den Dainos an; hier findet die Liebe zwiſchen Bruder und Schweſter einen holden und zarten Ausdruck.*) Der Bruder iſt ertrunken:liegt auf tiefem Meeresgrunde, wo der Sand ſein Antlitz naget, Wellen ſeine Haare waſchen, und da bietet die Schweſter den Nehrunger Fiſchern alles, was ſie hat, daß ſie ihn aus der Tiefe holen, den ſeidenen Gürtel, den goldenen Ring, zuletzt ſich ſelbſt(8). Die Brüder jagen der entführten Schweſter nach(204), begleiten die Neuvermählte:Die Sonne ſinket, nah iſt der Abend; entlaßt, begleitet mich, meine Brüder.Durch Roggenfelder, durch grüne Wieſen laßt uns begleiten die liebe Schweſter!(229). Und tröſten ſie:Brüder ritten ihr zur Seite, zur Seit' der Schweſter, ſie herzlich bittend: nicht weine, liebe Schweſter!(254). Sie ladet ſie dabei ein, an jedem Sonntagmorgen ſie zu be⸗ ſuchen,auf Sommerwegen in dunklem Nachen, auf Winterwegen in neuem Schlitten(203). Als der Mann ſie hart behandelt, und ſie bei den ihren Schutz ſucht, weiſen Vater und Mutter ſie ab:ſchilt, lehr' ſie nur Eidam! es war dein Wille, Tochter! Die Schweſter kann nicht helfen:mein wartet gleiches Elend, nur der Bruder tritt männlich für ſie in die Schranken (275). Die Schweſtern erwarten den in den Krieg gezogenen Bruder, und ihre Bangigkeit ſcheint ſich der ganzen Natur mitgeteilt zu haben(345):

Laß ab, o Wind, zu blaſen,

Ihr Bäume, knarrt nicht ſeufzend!

O noch erwart' ich

Den lieben Bruder, Der heimkehrt aus dem Kriege.

Wenn des Vaters hochrote Roſe blühte, wollte er wieder zu Hauſe ſein(341):

Und ſie erblühte Komm, laß uns, Schweſter, Wir ſtanden, bis wir Am Sonntag morgens, Des Bruders harren Den Berg aushöhlten, Doch nirgend, nirgend Auf hohem Berge Doch nirgend, nirgend War unſer Bruder. Am Eſchenzaune. War unſer Bruder. Uns lehnend drückten Da kommt gelaufen Komm, laß uns, Schweſter, Den Zaun wir nieder, Sein Pferd im Trabe, Das Rößlein fangen, Doch nirgend, nirgend Die goldnen Bügel Um, wenn wir's haben, War unſer Bruder. An ſeiner Seite. Es auszufragen.

Das Roß berichtet, wie der Bruder im Kampf erſchoſſen ſei; die Schweſtern trauern um ihn, und als ſie ſich nach Mittrauernden umſehen, hilft ihnen die Sonne das Leid tragen: will mich neun Morgen in Nebel hüllen und am zehnten auch noch nicht aufgehn. War der Schmerz der Mutter bei dem Wegreiten des Sohnes noch größer als der der Schweſtern, weil Jugend ja ſo hoffnungsmutig iſt(353:beide Schweſtern weinen, traurig ſeitab ſtehend; bittrer noch die Mutter, die mich aufgezogen), ſo iſt der Schmerz nach ſeinem Tode auf beiden Seiten gleich groß. Das hat er vorausgeſehen(346):

Und mein Hemde bei dem Rock, Und wer wäſcht es mir dann aus? Jest ſo zart und weiß, dies Hemde Ach, mit ihren heißen Thränen rieft von ſchwarzem Blute dann. Wäſcht es meine Schweſter aus.

Und wer trocknet mir es dann? Ach, mit ihren ſchweren Seufzern Trocknet meine Mutter es.

So tief iſt die Liebe zwiſchen Bruder und Schweſter. Der Vater wird nicht ganz ſo oft erwähnt, wie Mutter und Schweſter und dann meiſt in Beziehung zum Sohne. Einige Dainos

ſchildern das Verhältnis zwiſchen beiden aber ergreifend.Königliche Ordre ruft den Sohn ins Feld(336): 8

Da ſteht der Vater An meiner Seite, Er ſteht und redet, An meiner Seite, Da lehnt der Vater, Er ſpricht, ermahnet, An mich heran ſich drängend. Er ſteht mit mir zu ſprechen. Ermahnt und weinet bitter.

Kann man den Schmerz der Trennung, dieſes Hinhalten des Abſchiedes, dieſes letzte Sichnicht⸗ genugthunkönnen dem geliebten Scheidenden gegenüber, ſchöner und plaſtiſcher ſchildern! Neben

*) Es wäre eine intereſſante und für die Völkerpſychologie nicht unnütze Arbeit, zu unterſuchen, wie in der Dichtung der verſchiedenen Völker das Verhältnis der einzelnen Familienglieder zu einander ſich geſtaltet.