— 25—
Die Kinder ſind im Elternhauſe herangewachſen, im Pflügen und Weben von Vater und Muter unterwieſen. Der Sohn hilft dem Vater im Felde, und die Tochter läßt uns ſehen, wie auch hier unendlich viel mehr die Töchter für die Wohlfahrt und das Beſtehen des Hauſes wirken als die Söhne,„Vaters liebe Tochter, der alten Mutter behende Botin, der jungen Brüder liebende Anwaltin, der grünen Raute getreue Säerin, der bunten Nelke aufmerkſame Jäterin, die Blondgelockte, die fleißige Spinnerin, die Webekundige, Nähterin und Stickerin“— wie eine Daina(55) ſo ſchön ihr ſegensreiches Wirken bezeichnet. Beide fügſam und gehorſam den Eltern, denn es traf Strafe jenen:„er war von je ein eigenſinniger Burſche, gehorchte nicht dem Vater, nicht der Mutter“(32). Ihnen zuliebe verzichten ſie auf das lockende Ver⸗ gnügen(38):
Ei mein Knabe, lieber Knabe, Hab' den neuen Pflug beſtellet, Was haſt du gemacht für Arbeit? Angeſpannt die grauen Ochſen; Was haſt du gemacht für Arbeit, That dem Vater es zuliebe,
Daß du nicht zum Tanz gegangen? Daß ich nicht zum Tanz gegangen.
Ähnlich antwortet das Mädchen:*) ſie hat den neuen Webſtuhl geſtellt und gewebt und that der Mutter es zuliebe, daß ſie nicht zum Tanz gegangen. So leben ſie in herzwärmender Liebe mit einander, und um ſo ergreifender iſt die Klage der verlaſſenen Waiſen. Dieſe Waiſen⸗ lieder gehören zu dem Innigſten und Zarteſten, was die litauiſche Poeſie hervorgebracht hat, und die litauiſche Volksſeele zeigt ſich hier in ihrer ganzen Reinheit und Tiefe.**) Wir hören die ſchmerzliche Klage(67):
1. 34 armes Mädchen, 2. O hätt' ich, hätt' ich arme Waiſe, Nur eine Mutter! Gewohnt zu dulden Die Mutter würde Bei Nacht, bei Tage. Doch für mich ſprechen. 3. Sie liegt ſchon lange 4. Auf ihrem Grabe Auf hohem Hügel, Der Tau der Rauten, Auf ihrem Grabe Er glänzt ſo lieblich Da wachſen Rauten. Wie reines Silber. Oder(68): 1. Dort auf dem hohen Berge, 2. Komm mit, geliebte Schweſter, Dort unter jenem Hügel, Laß gehen uns Verlaſſ'ne, 1 Da liegt, da liegt die teure Mutter Laß geh'n uns beide Waiſen weinen Dort unter jenem Hügel. An unſrer Mutter Grabe. 3. Ei meine lieben Töchter, 4. Wir eſſen grüne Gräſer, Ei meine armen Waiſen, Wir trinken Tau des Morgens, Was werdet trinken ihr, was eſſen, Wenn wir nur beide weilen können, Da ihr zu mir gekommen? Bei unſrer lieben Mutter.
*) Der Litauer liebte es, dieſelbe Daina, wenn der Inhalt es zuläßt oder gar dazu auffordert, auf 8 ling und Jungfrau zu beziehen, ſo daß eigentlich zwei Dainos entſtehen, die nur in den auf beide
eſcchlechter bezglichen Verhältniſſen verſchieden, ſonſt aber bis auf den Wortlaut gleich ſind. Dem Roſſe des Jünglings entſpricht z. B. der Rautenkranz der Jungfrau(Kurſchat Gram. 448).
**) Auch im Mythos finden wir die„armen Waislein“, welche die Sonne nachts jenſeits des Meeres, der Berge bewacht(1), und Mannhardt hat dieſen mythiſchen Zug in einem köſtlichen Aufſatz gedeutet(Ztſchr. f. Eihnch. 1875, S. 304)— es ſind die Sternenwaislein, welche von der Mutter Sonne verlaſſen ſind ſperg. Heine:„Sonnenuntergang“).„Einmal eſchaſfen, fand dieſes Bild der mythiſchen Waislein vielfache
ebertragung auf irdiſche Waiſenkinder, um ſo eher als der Lette die erquickenden Wirkungen des Sonnen⸗ ſcheins und der Sonnenwärme mit den wohlthuenden Empfindungen in Ideenverbindung zu bringen liebt, welche das Kind in der Nähe der liebenden Mutter zu durchſtrömen pflegen“. Es ſeien bei dieſer Gelegen⸗ heit zwei Bemerkungen geſtattet: 1) In den litauiſch⸗lettiſchen Mythen ſteckt, wie in den deutſchen und indiſchen, unendlich viele und tiefe Poeſie; und wenn wir den Schlüſſel haben, die mythiſchen Anſchauungen zu deuten, o treten wir in einen Zauberwald köſtlichſter Poeſie. Dichtern wäre es anzuraten, Stimmung und Phantaſie jer zu bereichern und zu befruchten, um immer mehr zu lernen, was natürlich⸗poetiſche Anſchauung der inge iſt. Die es infolge ihrer genialen Intuition auch ohne dies wußten und zeigten, unter den neueren vielleicht am meiſten Lenau, deſſen Bilder oft von einer ſtaunenswerten, ſo zu ſagen, mythiſchen Kraft und Wahrheit ſind, ſo daß ſie in den Veden ihre Stelle haben und mit mythologiſch wiſſenſchaftlichem Apparat Pedeutei werden könnten, beweiſen nur, daß Poeſie ſchließlich nichts weiter 55 t, als Sehen mit dem unver⸗ ildeten, nie irrenden Auge des Naturmenſchen und Naturvolkes. Und wenn die Menſchheit von Jahrhundert zu Jahrhundert immer verſtändiger, immer langweilig nüchterner und greiſenhafter werden ſollte, daß einem angen könnte: hier, wie in der latenten Poeſie der erſten Sprachſchöpfungen, quillt ein köſtlicher Jungbrunnen


