Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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Als ſie die arme Waiſe in den Wald ſchicken, rote Heidelbeeren zu ſuchen, geht ſie hin⸗ auf zu der Mutter Grab. Da hört ſie diealte Stimme:Wer weint um mich da oben? Wer tritt auf meinen Hügel? und die Mutter tröſtet ihr Kind, ihre Stelle würde ſchon aus⸗ füllt werden(69). Das geſchieht aber nicht immer zum Segen(70): der Vater geht auf die Jagd und läßt die kleine Tochter in ihrem bunten Bettchen daheim; zurückkehrend trifft er ſie am Kreuzwege:

Wo gehſt Du hin mein Kindchen, Sie geht zum Grabeshügel, Geh heim, geliebte Tochter, Du arme, kleine Waiſe? Umarmet dort das Grabkreuz: Du haſt ja die Stiefmutter, Dort auf den hohen Hügel Steh auf geliebte Mutter, Die wird dein Köpfchen kämmen, Zu meiner Mutter Grabe. Und kämme mir das Köpfchen. Wird dein Geſichtchen waſchen. Wenn die mem Köpſchen kämmet, Zieht ſie mir an das Hemdchen, Reißt ſie mir in den Haaren Zerbricht ſie mir die Arme, Und wäſcht ſie mir den Mund ab, Legt ſie mir an den Gürtel, Dann ſtreift ſie mein Geſichtchen. Dann preßt ſie mir das Herzchen.

Wenn die liebloſe Welt dem vereinſamten, der ſonnigen Liebe entbehrenden Herzen weh gethan, dann flüchtet es ſich immer zum Grabe der Mutter oder des Vaters(82):ich möchte gehen zum Grabeshügel, ich möcht' umarmen des Vaters Grabkrenz; der für mich redet, liegt auf hohem Berge tief unterm Raſen. Und das arme Waiſenkind ſieht die Bäume und Blumen ringsum in der ſchönen Welt und bricht in wehmütige Klage darüber aus, daß jene ihre Blätter verlieren, und neue ihnen im ſchönen Frühling ſprießen; ihm aber würde nicht wieder, was es verloren. Es möchte, daß der Eichbaum ſich in ſeinen Vater, die Linde ſich in ſeine Mutter verwandelte, die Aſte zu Armen und die grünen Blätter zu Liebesworten würden(80). Das vereinſamte Mädchen vergleicht Vater, Mutter, Bruder und Schweſter mit der Eiche, Linde, Päonie und Roſe; letztere grünten und blühten immer von neuem, nach jener Tode aber kämen keine andern. Eigentümlich wird unſer Gefühl durch die Schlußwendung des Gedichts berührt:

den kommenden Geſchlechtern zur Entnüchterung. Die Schlüſſel für die mythiſche Anſchaung ſind ſeit Adalbert Kuhn oft geſchmiedet worden; am vortrefflichſten wohl, weil mit dem liebevollſten Herzen und der reinſten poetiſchen Anſchauung, von Wilhelm Mannhardt, dem zu früh und über einer großen die lit.⸗lett. Mythologie betreffenden Arbeit Geſtorbenen, den ſein, in dieſen Tahen auch geſchiedener Freund Karl Müllen⸗ hoff denbeſten Kenner dieſer Dinge nennt,den es heute giebt und wohl je gegeben hat(Ztſchr. f. deutſch. Altert. 1880 S. 159). Wir glauben auch, daß man vortreffliche d. i. poeſievolleKinderbücher ſchreiben könnte, wenn man die aus der Deutung der Mythen gewonnenen tiefpoetiſchen Naturanſchauungen, in allerfreieſter Weiſe ſchaltend, verwertete. Denn man ſollte den kindlichen Geiſt und das kindliche Gemüt nur mit etwas Gewordenem, nicht mit Gemachtem nähren. Und wir haben Mangel an guten Büchern dieſer Art trotz Überproduction. 2) Mannhardt macht die Hemerkang, daß das Bild der mythiſchen Waislein, ein⸗ mal geſchaffen, Uebertragung auf irdiſche Waiſenkinder fand. So wird ein Vorgang am Himmel appercipiert durch ſchon vorhandene, aus menſchlichen Verhältniſſen gewonnene Vorſtellungen, die von dem Gemütsleben des Volkes Zeugnis ablegen; und dieſe Apperception wirkt dann wieder auf die im Liede ſchaffende Phantaſie, ihr eine Richtung gebend, zurück. Wir glauben, daß man noch manche ſolcher Proceſſe in der litauiſchen Poeſie finden und in manchen Liedern, denen man es auf den erſten Blick nicht anſieht, den urſprünglichen Mythos wenigſtens als Prototypus entdecken könnte. Da brauchte er noch gar nicht ſo klar zu liegen wie in 81, wo wir ein klaſſiſches Beiſpiel für unſere Behauptung finden.Habe Vater, Mutter nicht, bin ein armes Waiſen⸗ kind, klagt der verlaſſene Knabe, und um ſeine Verlaſſenheit und Hilfloſigkeit ſo recht draſtiſch darzuſtellen, ſagt er, daß die himmelfernen Geſtirne, Mond, Sonne und Sterne, ihm Vater, Mutter und Geſchwiſter wären. Die Waiſe iſt hier ſicherlich ſchon ein irdiſches Kind, und man ſieht deutlich, daß das Volk die mythiſche An⸗ Hauung micht mehr verſtand und, was einſt eigentlich und wirklich gemeint war, daß nämlich Mond und Sonne Vater und Mutter der Sterne ſind, zu einem ſchönen poetiſchen Bilde und Vergleiche benutzte, um die Verlaſſenheit des irdiſchen Waiſenknaben ſo recht anſchaulich zu malen: er hat niemand als die fernen Ge⸗ ſtirne. Auch das in den Dainos oft wiederkehrende Motiv: ein Mädchen verſinkt im Waſſer(und als Gegen⸗ ſtück ein Burſche), ſcheint auf einen Mythos als Prototyp zurückzugehen. Denn auch dieSonnentochter (Dämmerung) verſinkt im Meere(Mannhardt a. a. O. 295). Ebeno glauben wir, daß viele Gegenſtände aus dem täglichen Gebrauche des Litauers in den Dainos nicht deshalb von Gold, Silber, Demant und Seide ſind, weil, wie Neſſelmann meint(Oſt⸗ u. Weſtpr. Muſ. Alm. 1861 S. 90), beſcheidene Verhältniſſe gern etwas idealiſirt werden, ſondern durch Einfluß des Mythos, der ja am Himmel genug Gold, Silber und Seide ſah(Mannhardt 100, 216), dieſen Glanz erhalten haben. Wie der Mythos die epiſche Poeſie beeinflußte, iſt bekannt. In der litauiſchen Poeſie ſind die Anſätze zum Epos verkümmert, jener Einfluß kam alſo der Lyrik allein zu gute. Man ſollte einmal die mythiſchen Prototypen in den Dainos herausſuchen und zuſammenſtellen. Ueberhaupt wäre es eine intereſſante und dankbare Aufgabe, ſpeziell nachzuweiſen, wie die * der ein anen Blker in ihren Motiven, Anſchauungen, Bildern und ſogar Stimmungen von mnthiſchen

ypen beeinflußt iſt. 4 3 1