Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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man jemals darauf ſittlich und dichteriſch aufgemerkt. Die Mädchen, ſogleich wie ſie erſcheinen, wollen heiraten, die Knaben zu Pferde ſteigen.*) Gründe dafür müſſen vorhanden ſein, wo alles im Leben ſo klar und geſetzmäßig verläuft. Vielleicht darf man daran denken, daß die litauiſche Volkspoeſie eine Poeſie des Jugendalters iſt, des ledigen Burſchen und Mädchens für dieſes Alter hat Kind und Kindheit kein Intereſſe. Wir bemerken das große Naturgeſetz, das alle Weſen umfängt und an ſichtbarſten die beherrſcht, die ihm aus ihrer reicheren d. h. vielſeitiger geſtalteten Welt nichts entgegen zu ſetzen vermögen, die Naturmenſchen, das Volk,welches der Natur und alſo der Poeſie viel näher iſt, als die gebildete Welt(Goethe). Wie der Vogel im Frühling ſingt auf knospendem Aſte in der warmen Morgenſonne vor Daſeinswonne und Liebesluſt und von der heißeren Zeit der Sonnenwende, wo die junge Brut ſeine ganze Thätigkeit in Anſpruch nimmt, das Singen einſtellt, ſo ſingt auch der litauiſche Knabe und das litauiſche Mädchen in dem berauſchenden Gefühle der Jugend und der erſten Liebe, und unter dem heißeren Sonnenbrande der Ehe erſtirbt das Lied. Außerſt ſelten erklingt es vom Glück der Ehe, viel öfter vom Unglück: das iſt wie der leiſere, abgebrochene Sang des Vogels am Neſt, eine wehmütige Reminiscenz verklungener Frühlingslieder. Dann ver⸗ hallen beide, Vogelſang und Menſchenlied. Denn das Leben der litauiſchen Frau iſt kein be⸗ neidenswertes,**) auch wenn die junge das erſte Kind auf den Armen wiegt, was in der Dich⸗ tung anderer Völker ſo entzückende Lieder erzeugt hat. Aber ſie ergiebt ſich endlich darin, nachdem der Schmerz der Enttäuſchung ihr noch einige bittere lyriſche Töne entpreßt hat, und lebt weiter. Denn es iſt einmal ſo, ihre Mutter hat es ſo gehabt, und ihre eigene Tochter wird es einſt ebenſo haben. Der Kreislauf des Lebens iſt immer derſelbe.

Man könnte zu Goethes Bemerkung hinzufügen, daß auch die Alten in der litauiſchen Poeſie nur ihre Stelle haben, ſo zu ſagen, als Korrelative der Jugend, anders nie; die Mutter nur als Mutter des Mädchens, das mit Schmerzen das Elternhaus verläßt, der Vater nur als Vater des Burſchen, der in den Krieg reitet. Nichts ſteht der Behauptung entgegen, daß auch ſolche Dainos aus jungen Herzen gefloſſen ſind;***) keine, die von Alten notwendig hätte geſungen ſein müſſen. Natürlich! Nur im Frühling ſingt der Vogel, wenn nicht künſtliche Wärme im Zimmer ihn über das Schwinden der holden Zeit hinwegtäuſcht, Kunſtpoeſie eines Kultur⸗ volkes.

*) Es giebt aber doch einige Ausnahmen, wenn auch nur in Form von Andeutungen, nicht von anzen Liedern. Der Vater erzieht treu den Sohn und freut ſich, ihn dereinſt die Arbeit lehren und mit Koß und Reitzeug ausſtatten zu tönnen(34. 35). Auch an das mühevollere Walten der Mutter wird ge⸗ dacht: ſie hat das Töchterchen groß gewiegt, hat es ausgetragen auf den weißen Armen, ihm die Zeit ver⸗ trieben mit dem goldenen Ringlein, das Köpfchen gekämmt, es gewaſchen mit reinem Waſſer und abgetrock⸗ net mit ſeidenem Tüchlein.Geliebte Mutter, haſt viel gelitten, bevor du mich erzogen, haſt manche Nacht durchwachet(141. 69. 222). Aber immer klingt es aus dem Munde der Jungen.

**) Schon den alten preußiſchen Chroniſten, die doch darin ſicher nicht ſentimental dachten, fiel es auf, daß die lit. Frau Sklavendienſte verrichten und ſogar die Knechte bedienen müſſe. In alter Zeit wurde ſie erkauft, wofür Hochzeitsgebräuche zeugen(L. Weber a. a. O. 86).

***) Eine herrliche Daina, mehr gnomiſcher Natur, macht eine merkwürdige Ausnahme, ſo daß wir ſie der leichtlebigen, die Stunden haſchenden Jugend nicht zuzuſchreiben wagen(19):

Der Wolf, das Wölſchen, Der Fuchs, das Füchschen, Der Hund, das Hündchen, Das Tier des Waldes, Das Tier des Waldes, Des Hauſes Wächter, Tritt aus dem Walde Schleicht aus dem Walde Bellt und verwundet Ln auf die Weide, Hin nach dem Vorhof, Des Diebes Ferſe, Zerreißt das Kälbchen Ergreifet, ſchlachtet Scheucht alte Weiber ÜUnd auch das Füllen. Die Gans, das Hühnchen. Und Wandersleute. 'S iſt ſeine Arbeit.'S iſt ſeine Arbeit.'S iſt ſeine Arbeit. 4 Die Bien', das Bienchen, O. Menſch, o Menſchchen,

Des Waldes Tierchen, Sieh auf die Biene!

Summt in der Heide, Genug ja ſtichſt du

Sticht in den Finger, Tas erz, ins Herzchen.

Ins Ohr, ins Antlitz ieb ſüßes Labſal

Und giebt uns Honig. 1 Auch deinem Bruder.

'S iſt ſeine Arbeit.'S iſt Menſchenarbeit.

Iſt es nicht derſelbe Gedanke, wie in Goethes:Edel ſei der Menſch, hilfreich und gut! denn das allein unterſcheidet ihn von allen Weſen, die wir kennen!