fleißigen Mädchen gemahlen; ſie ſingt zu dem Rauſchen der Steine in einſamer Mahl⸗ kammer(111), und es kommen ihr wehmütigfrohe Gedanken, ſie kann es nicht begreifen, wie der junge Burſche ſie armes, gequältes Mädchen lieb haben kann(286).*) Die Frauen werden überhaupt nicht geſchont, wie auch in der Homeriſchen Welt und in unſerer eigenen Vorzeit nicht. Daß vielmehr Frauen⸗ als Männerarbeit erwähnt wird, iſt wohl nicht ſo zu erklären, daß die Dainos vorwiegend Frauenpoeſie ſind, ſondern hat einen mehr proſaiſchen Grund. „Ich habe ſchwere Arbeit, bei Tage und bei Nacht auch“, klagt das Mädchen(41) und(259):
Schwarz ſind meine Hände
Von der ſchweren Arbeit,
Glühend heiß iſt Wang' und Antlitz Von der ſchweren Arbeit.
Es iſt ſchwerſte Sklavenarbeit, und es glaubt der Freier etwas voraus zu haben, wenn er ihr verſpricht, ſie würde als ſeine Frau frei davon ſein. Sie glaubt ihm aber nicht, denn
ſolche Verſprechen ſind ſchon oft gegeben und auch kaum zu erfüllen(313. 185). Und die Erholung von dieſer Arbeit?
Ausſchlafen kannſt du, Ausruhen wirſt du, Mein liebes Mädchen, Mein liebes Mädchen, Nachts in den Feiertagen. Am Webeſtuhl beim Weben(44).
Die eigentlichen Frauenarbeiten erſcheinen alſo als eine Erholung. Früh erhebt ſich das Mädchen, zündet das Feuer an und bereitet das Frühſtück. Sie kehrt den grünen Hofraum für den Sonntag, wenn die Gäſte kommen und unter ihnen der Freier; die Eltern haben ihm ſchon zugeſagt, aber ſie mag nicht und kehrt den Hof unter Thränen(60. 233). Sie ſcheuert die weißen Tiſche(224), ſpinnt den Flachs zu feinen Fäden, webt ſie zu dichter Leinwand am neuen Webſtuhl, an dem die Schäfte blitzen und das Schiffchen durch ihre Hände fliegt(257), denn ſie muß den Brautſchatz ſammeln, um die Verwandten des Mannes nach uralter Sitte am Hochzeitstage zu beſchenken(41). Da tönt denn über den Hof aus der neuen Klete Ge⸗ ſang und Knarren der Weberlade(263). Und„wo auf flacher Wieſe der Klee, der weiße, blühet“, da bleicht ſie die Leinwand(391), und in der Kammer am Schreine ordnet ſie ſelbige (186. 216. man denkt an eine Stelle der„Glocke“, wo Schiller ja auch die ewigen Formen menſchlichen Daſeins in idealer Weiſe darſtellt) und ſchneidet ſie zu, als die Hunde bellen, auf ſpringendem Roſſe der Freier kommt und ſie bei dieſer hausmütterlichen Arbeit findet(216). Dann näht ſie die Wäſche, ſtickt zierlich das Hemd und ſtickt auch auf Seide im Rahmen kunſtvolle Bilder mit Gold⸗ und Silberfäden(147. 379).(Auch Lepner S. 77, der den Litauern nicht hold iſt, muß die Geſchicklichkeit anerkennen).
So ſpiegelt ſich in den Dainos das litauiſche Bauernleben in Feld und Haus ab. Das einförmigere Daſein des Fiſchers bietet weniger Einzelzüge. Wir ſehen, wie er am Strande Netze ſpült(93), hinaus⸗ fährt aufs Haff und vom Unwetter überraſcht wird, ſodaß die Nehrung mit ihren Fichtenwäldern ſeinem Blick entſchwindet(12); wie Eisſchollen und Hagelſchlag ſeinen Segelkahn beſchädigen, und er ſich kaum retten kann(48). Die Verhältniſſe der„Strandleute“ ſind ärmlicher als die des Bauern. Das weiß der Bauernſohn, der bei den Fiſchern freien will: man ſchläft„zu Haupt das Ruder, das Netz zur Seite, das Segel zum Bedecken“(94). Und er weiß auch, daß das Fiſchermädchen in den weiblichen Arbeiten weniger geſchickt iſt; denn ſie muß im Kahne ſitzen, dem Vater helfen, die Taue anziehen; an Arbeit fehlt es aber auch ihr nicht(194).— Das ſind die beiden Stände der Litauer. Handwerker giebt es nicht, wo jeder ſeinen Bedarf ſich ſelbſt herſtellt, und wenn ſolche für eine beſonders ſchwierige Arbeit unentbehrlich ſind, müſſen ſie aus der deutſchen Stadt geholt werden(234).
Das Typiſche, Naturgemäße, das, was war, iſt und ſein wird, ſo lange es Menſchen giebt, muß ſich vor allem im Leben der Familie ausprägen; hier kann man am beſten die Naturformen des Daſeins beobachten und die in ihnen waltenden Geſetze. Als merkwürdig fiel es Goethe ſchon auf,„daß der eigentliche Lebensbeginn, das Verhältnis der Eltern zu den Kindern, hier ganz und gar fehle, und kaum eine Spur zu entdecken ſei, daß
115 1 Die Sympathie für die arme Braut iſt ein liebenswürdiger Zug in den Dainos, vergl. 75. 76.


