Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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Aber Beweismaterial für ſeine Behauptungen hätte er auch darin finden können.Die Natur⸗ formen des Lebens, dieſer Geiſt in Notwendigkeit gebunden, ſo unbewußt thätig und dunkel ſchaffend, wie das Tier ſich gebärdet, wie die Pflanze treibt und wächſt, Naturformen, deren Anſchauung uns, die wir abgefallen und dadurch zwieſpältig und unſelig ſind, wie die eines verlorenen Paradieſes ergreift und unter Lächeln zu Thränen rührt(Hehn) das meint Goethe auch, wenn er in jener Rezenſion ſagt:Weder unabhängige Empfindung, noch eine freie Einbildungskraft waltet in denſelben[den Dainos]; das Gemüt ſchwebt elegiſch über dem beſchränkteſten Raum. So mußte ihm die litauiſche Poeſie eine Saite ſeines eigenen Herzens berühren.

Es bleibt alſo nun die Aufgabe, zuzuſehen, wie ſich das Daſein des Litauers in den Dainas ausprägt. Innerhalb der beiden uralten, poetiſchen Beſchäftigungen bewegt ſich ſein Leben: er iſt entweder Ackerbauer oder Fiſcher; daneben, wie es dazu gehört, Hirte und Schiffer. In heiliger Frühe geht er auf ſeinen Acker am Birkenwäldchen, ſpannt die grauen Ochſen in das Joch und zieht die Furche mit uraltem Gerät, das aus Gabelholz und zwei ſtählernen Pflugſcharen beſteht.*) Die Frau kommt hinaus, bringt ihm das Eſſen und ſtellt es auf die Wieſe am Ende des Ackers, wo die Ochſen wenden und er, den Pflug anhebend, die ſchweren Schollen von dem Eiſen ſchüttelt(103. 295). Und ſie hält die grauen Ochſen mit den Händen(195). Das Korn wird in die Erde geſäet(146), und bald wechſeln gelbe Getreide⸗ felder mit grünen Wieſen, durch welche der Burſche das Mädchen heim begleitet oder der Bruder der das Elternhaus verlaſſenden Schweſter das Geleite giebt. Die Senſen erklingen, die Ahren fallen, und die Mädchen binden die Garben(185). Auch auf der Wieſe ertönt das Wetzen der Senſe, das tauige Gras liegt in Schwaden und junge Mädchen harkenan ſchönen Sommertagen das Wieſenheu(161) im freien Felde oder am Waldesſaum(158). Nicht weit davon weiden Knaben und Mädchen die Herden der Pferde und Rinder, und ſie verabreden eine Zuſammenkunft(114):

Du mein liebes Mädchen, Da wirſt Du mich finden, Meine junge, zarte, Da will dein ich warten, Wenn du hüteſt bunte Rinder, Auf der grünen Wieſ' am Fluſſe, Treib' ſie auf den Landweg. Auf dem weißen Kleefeld.

Du mein lieber Knabe, 4 Da wirſt Du mich finden,

Du mein junger, zarter, Da will dein ich warten, Wenn du hüteſt braune Roſſe, An dem reinen, friſchen Waſſer,

Treib' ſie auf den Feldweg. Unterm Weidenbaume.

Das iſt ein indogermaniſches Idyll reinſten Stils.(Ähnliche Daina in Kurſchat Gram. S. 461). Das Mädchen melkt die Kühe vor Tagesanbruch(19), der Burſche füttert die Roſſe im Stalle, den er ſelbſt mit neuen Brettern ausgebrückt hat, geſchnitten aus grüner Buche. Er führt ſie zur Tränke an Fluß oder Teich(351) und trifft da zuſammen mit dem Mädchen, das Waſſer holt oder Wäſche ſpült(61). Dieſem liegt es ob, den Garten zu pflegen. Sie ſäet Rauten, Nelken und Majoran, beſchneidet ſeine Aſte und jätet die Beete. Hier iſt ihre Stätte, hier windet die Glückliche Kränze, und die Unglückliche verträumt ihren Kummer unter den Rautenzweigen(164. 386). Um dengrünen, hochgerankten Hopfen hat der Mann ſich zu kümmern, und wenn das helle Bier(alus) geraten ſoll, muß er ihn ſorgfältig behandeln (320). Der Flachs hat ſich ſchon gebräunt, und wieder iſt es das junge Mädchen, das ihn auf hartem Acker ziehen muß(39). Des Weges reitet ein junger Burſche auf braunem Roſſe vorbei; er iſt ſchon bei ihrem Vater geweſen; dieſer hat nichts dagegen, und ſo bietet er ihr ſeine Hilfe an. Sie will ſie aber nicht(176):ich will nicht, ich will nicht; geh nur, o Knabe, Gott wird mir ſchon helfen, den Flachs ausziehen. Selbſt von der ſchweren Arbeit des Dreſchens iſt die Frau nicht ausgeſchloſſen: der Fiſcherſohn preiſt das Geſchick ſeines Mädchens, das nie den Flegel heben wird(177). Und iſt das Getreide gedroſchen, ſo wird es auf dem Quirl, der uralten Handmühle mit primitivſter Einrichtung, von dem

*) Der Litauer hängt feſt an dieſem Pfluge(Soche, der nur von Weichſel bis Newa bekannt iſt und früher ganz von Holz war, pie noch heute in Livland. Und doch hatte der deutſche Ritterorden ſchon den deutſchen Pflug eingeführt. Uber den Vorzug der Zoche für den ſchweren Boden Oſtpreußens, ſo lange

er noch nicht den höchſten Kulturgrad erreicht hat, vergl. L. Weber, Preußen vor 500 Jahren, S. 241.