hat.“ Aber was ſind denn große Dinge? Welthiſtoriſche Perſpektiven, welterſchütternde Vor⸗ gänge finden wir nirgends.“*) Wem aber das ewig Menſchliche in einfachſter Naturform, die beharrende Naturgeſtalt unſeres Geſchlechts,„die ſubſtantiellen Lebensformen, in deren Schoß das Subjekt noch unentſchloſſen ruht, dieſe einfachen und unmittelbaren Formen, welche das fernſte Altertum mit der nächſten Gegenwart verbinden“(Hehn), als etwas Großes erſcheint, der findet es allerdings in den Dainos. Wir fürchten dabei nicht, in den Fehler der Biographen zweifelhafter Charaktere zu verfallen, die ſich allmählich in ihren Helden verlieben. Faſſen wir die Dainos einmal von dieſer Seite und beantworten wir die Frage, was wohl bei Goethe ſolche Sympathie für ſie entſtehen ließ, daß er bei Erſcheinen jenes Rheſa'ſchen Buches ſchrieb:„Durch dieſe Sammlung iſt abermals einer meiner Wünſche erfüllt.“ Aus ſeiner kurzen Rezenſion iſt es nicht ganz erſichtlich, weshalb ihn gerade die litauiſchen Volks⸗ lieder ſo erfreuten, oder anders ausgedrückt, was er denn in ihnen als mit ſeiner An⸗ ſchauung von Kunſt und Leben ſo übereinſtimmend fand. Denn was er ihnen unter der Bezeichnung„Zuſtandsgedichte“ beilegt, möchte ſich von jeder Volkspoeſie behaupten laſſen. Man irrt wohl nicht, wenn man als das in den Dainos mit Goethes Anſchnuungen ſo Har⸗ monierende eben jene Ausprägung der reinen Naturformen des Lebens anſieht. Alles erſcheint da als natürlicher Prozeß; in ſeinem ganzen Weſen und Treiben hängt der Litauer ſichtbar und innig zuſammen mit den großen ewigen Geſetzen; er hat darüber nicht reflektiert, aber er will es gar nicht anders. Das Individuum hört ganz auf und verliert ſich in dem einzig Dauernden, in der Allgemeinheit der Gattung, es will nichts Beſonderes für ſich haben, mit ſeinem Leben und Sterben hat es ſeine Aufgabe erfüllt, ein anderer tritt an ſeinen Platz, und der Kreislauf des Lebens beginnt von neuem.**) Begabte und edle Naturvölker haben dieſe An⸗ ſchauungsweiſe, die von einem anderen, wiſſenſchaftlichen Ausgangspunkt her, die Menſchheit zu erringen jetzt ſich leiſe anſchickt, in ihrem Jugendalter gehabt, ſo die Griechen der Homeriſchen Zeit und die Deutſchen, ehe die Unruhe der Wanderungen ſie begehrlich machte, mit der Natur entzweite und ſie ihnen auch in furchtbarer Geſtalt erſcheinen ließ(Rückert Kulturgeſch. des deutſch. Volkes). Bei den Litauern merken wir von dieſer Entzweiung noch nichts. Klar er⸗ ſcheinen uns die Urformen menſchlichen Daſeins, aus denen die beſonderen emportauchen, um doch wieder zu verſinken. Man tritt hier in eine Welt, die, wenige Außerlichkeiten abgerechnet, ſo ſchon in vediſcher Zeit exiſtiert haben könnte. V. Hehn hat neulich in der erſten Abhand⸗ lung der meiſterhaften, für das Verſtändnis des Dichters ſehr werthvollen„Gedanken über Goethe“(Grenzboten 1883, 4. Quart., 1884, 1. Quart.) Goethes Anſchauungen über die Naturformen des Menſchenlebens entwickelt. Goethes Stellung zu der litauiſchen Volkspoeſie iſt nicht von ſo univerſeller Bedeutung, als daß Hehn auch darauf hätte Rückſicht nehmen ſollen.
.““) Die Kriegslieder, die ſich auf die Polen⸗ und Ruſſenkriege des 17. und 18. Jahrh. und den Frei⸗ heitskrieg beziehen, ſind nicht dahin zu rechnen. Denn hier erſcheint, wie Neſſelmann bemerkt, das welt⸗ iſtoriſche Faktum meiſt nur als Folie, welche einer rein ſubjektiv lyriſchen Anſchauung unterliegt; der junge rrieger wird immer nur als Sohn aufgefaßt, der die Heimat ungern verläßt(Hagen, über d. Weſen d. lit. Volksl. N. Pr. Prov.⸗Bl. 1846 II 267).
V**) Dieſe ruhige Ergebung in das Unvermeidliche iſt es(likkimas; tai buwo jo likkim's, das war ihm einmal ſo beſtimmt), welche ſchon einige ältere Schriftſteller bemerken und als Fatalismus tadeln(Lepner). Wir können darin keinen rohen Fatalismus erkennen; es iſt ſtille Ergebung, wenn der den Tod herannahen Füylende ſelbſt beſtimmt, wie es mit dem Leichenbegängnis gehalten werden, wieviel dazu gebacken und ge⸗ braut werden ſoll, was Prätorius berichtet(101) und ähnlich Lepner(145):„Wenn einer unter ihnen ſterbe⸗ krank wird, alsdann wird bald Gerſt und Haber zum Bräuſel eingeweicht und Maltz gemachet, dieſes liegt in derſelben Stube, da der Kranke ſich befindet, damit es kiehne, den übeln Geruch, ſo davon entſtehet, achtet der Kranke nicht. Kommt der Kranke wieder auf, ſo hilft er das Bier mit austrinken, wie denn vor wenig Jahren eine ſehr alte Wirthin dieſer Orter war, welcher ihre Kinder, bey welchen ſie lebete, gerne den didmn gönneten, dieſe ward oft todkrank, ſie kam aber wieder auf und hat ihr Begräbnißbier wohl über zehn mahl helfen austrinken, ohne das letzte.“— Wir erblicken in ſolcher Denkungsart eine edle Vor⸗ ſtufe zu jener vom Chriſtentum gepredigten Fügung in den Willen Gottes. Was, wie Prätorius berichtet, der Nadrauer(Litauer ſüdlich v. der Memel) beim Abſterben ſeines Kindes ſagt: man iktolei szlusziei, nu diewui szluszyk, kolei asz pareisu te ſo lange haſt Du mir gedient, diene nun Gott, bis ich werde dahin kommen(19)(vergl. die ſchöne Metapher: Gott hat das Kind gepflückt, Schleicher a. a O. 161) iſt ſicherlich nicht erſt eine Eingebung des Chriſtentums, das ſich im 17. Jahrh. der litauiſchen Herzen noch nicht in dem Grade bemächtigt hatte(vergl. das üppig wuchernde Zauberweſen), ſondern es iſt nur eine chriſtianiſierte
uralte Denkungsart, welche dann ein fruchtbarer Boden für das Chriſtentum wurde. 1


