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Da findet ſie in dieſer holden Zeit den, welchen ſie gerne mag: Und dem dritten reich' ich ſelber, Ei kuku! Meinen goldnen Ring vom Finger. Heidelbeeren blühn.
Der Bauernburſche hinter ſeinem Pfluge oder das arme Mädchen bei der ſchweren Ar⸗ beit des Getreidequirlens, die ſolch ein Lied erfanden und ſangen, und der ritterliche, ſtolze Walther von der Vogelweide, welch ein Abſtand! Und dennoch— erinnert dieſes Lied nicht an den wundervollen Sang:
under der linden an der heide, mit dem die volle Frühlingswonne atmenden Refrain„tandaradei!“(schoöne sang diu nahtegal). Auch die Haustiere merken die freudevolle Zeit, die Roſſe werden wieder auf die Weide getrieben und bleiben ſogar nachts auf grünem Klee(370). Unter der heißeren Sonne des Sommers verklingen die Frühlingslieder, es wird ſtiller. Aber der Sommer hat doch eigene charakteriſtiſche Töne, man höre nur das Stimmungslied(22):
n grünen Graſe, Es pfeift die Meiſe,
tehn Majorane, Es ſchrillt die Grille,
Da blüht die Lilie. Es bläſt die Flöte
Es ſitzt der Knabe Der Hirtenknabe.
An meiner Seite, Die Trommel wirbelt,
Den Kopf im Schoße Das Kriegshorn ſchmettert Schläft er ſo ruhig. Und weckt den Knaben.
Das iſt eine Sommeridylle mit faſt Theokritiſcher Stimmung. Den glühenden, trocknen Hochſommer malt eine andere Daina(155): der Teich im Dorfe iſt ausgetrocknet, die Fiſche darin ſind getötet.— Nach der Ernte naht die kühlere Jahreszeit. Der friſch geſäete Roggen grünt ſchon auf dem Hügel, und die Apfel und Nüſſe reifen im Garten(185).„Es kehrt der Winter, der kalte Herbſt ein“(207). Da muß der Beſitzloſe ſehen, wo er bleibt, wenn er nicht in Regen und Schnee umherziehen will(199). Man fährt nun„auf Winterwegen im neuen Schlitten, mit dunkelbraunem Roſſe“(203). Und der Schlitten iſt ſchön bemalt und das Rößlein wohlbeſchlagen(316). Wie lange noch, und es iſt wieder die Zeit da, wo die erſte Bachſtelze, die„ſüße Liebesworte bringt“(284), freudig begrüßt wird. Es befremdet faſt, daß ſo wenige Winterbilder gefunden werden. Aber der Naturmenſch ſteht dem kalten Winter, mit dem er um ſeine Exiſtenz kämpfen muß, nicht ſo ſtimmungszugänglich gegenüber, wie wir andern, und in der einen Stimmung des Unbehagens ſchweigt die Poeſie.
Es iſt bekannt, daß Goethe an litauiſcher Volkspoeſie großes Gefallen fand. Er bewies es dadurch, daß er, der große Dichter, eine Daina, das Lied eines armen, einfältigen litauiſchen Mädchens, in ſein Singſpiel„Die Fiſcherin“ aufnahm und nach dem Erſcheinen der Sammlung von Rheſa(1825) eine ſehr warm gehaltene Recenſion darüber ſchrieb. Und doch erſchien erſt Jahrzehnte ſpäter die kritiſchere und umfangreichere Sammlung von Neſſelmann(1853). Man möchte Neſſelmann ſelbſt nicht beiſtimmen, wenn er behauptet(Vorrede 5), ſchon Rheſa allein biete eine ſichere Grundlage für Beurteilung der litauiſchen Nationalpoeſie. Man würde die Begabung der Litauer vielleicht zu gering anſchlagen, kennte man nicht alle die Perlen, die man bei Rheſa vergeblich ſuchen würde(15. 19. 62. 68. 70. 77. 98. 100. 103. 106. 140. 148. 237. 245. 249. 270. 272. 274, 276. 278. 283. 377). Freilich auch Rheſa bietet köſt⸗ liche Dainos. Doch auch dem Armeren gelingt einmal ein ſchönes Lied. Daß aber eine Fülle herrlicher Lieder im Volke lebt, zeigt Neſſelmanns Sammlung. Es ſcheint daher die Behauptung von Leskien⸗Brugman doch nicht ganz richtig,„daß von der im ganzen inhaltlich unbedeutenden litauiſchen Volkspoeſie in der Rheſa⸗Kurſchat'ſchen und Neſſelmann'ſchen Sammlung genug ins Deutſche übertragen iſt“.(Lit. Volkslieder und Märchen, Vorwort). Auch Kurſchat legt auf die Melodie der noch nicht aufgezeichneten Dainos das größere Gewicht(Gram. 449). Freilich iſt es richtig, was Bartſch ſagt:„Es wäre unklug, wollte man als Anwalt der lit. Daina einem Fernerſtehenden verſchweigen, daß es nicht große Dinge ſind, die er hier zu erwarten


