Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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Hinter den Dünenbergen der kuriſchen Nehrung und ihren leider nicht überall erhaltenen Wäldern geht die Sonne unter, oder, wie der mythiſche Ausdruck lautet(1):jenſeits des Meers, der Berge bewachte ich die Waiſen(Mannhardt Ztſchr. für Ethnol. 1875, S. 303). Es iſt ein völlig verſchiedener Landſchaftscharakter, das empfindet das aus dem ſüdlichen Litauen hierher verheiratete Mödchen bitter, ſie fühlt ſich in die Fremde verſtoßen(278): 5 gehe, gehe, ill hier nicht bleiben, Hier iſt nicht meine Heimat! Die Mutter hat es wohl gewußt(237): Hören wirſt Du dorten Nur den Kuckuck rufen

Und des Meeres und des Haffes Waſſerwogen rauſchen.

Es liegt nahe, an jene ſchöne Stelle in der Edda zu denken. Skadi trennt ſich von ihrem Eatten Niördr, weil ſie, auf den felſigen Bergen des Binnenlandes erzogen, in ſeiner Heimat am Meere es nicht aushalten kann(Simrock Edba 6. A. S. 265):

Nicht ſchlafen konnt' ich am Ufer der See Vor der Vögel Lärmen;

Da weckte mich vom Waſſer kommend Jeden Morgen die Möve.

Jede Landſchaft muß einen beſtimmten Jahreszeitencharakter haben. Aber das genügt noch nicht; wenn ihr nicht durch die Tagesſtunde oder das Wetter eine beſtimmte Beleuchtung gegeben wird, iſt ſie ein Schemen, wie wir ihn freilich in manchen Dichtwerken finden. Nicht in der Volkspoeſie und nicht in den Dainos. Aus einigen prägnanten Worten, meiſt am Ein⸗ gange, erfahren wir, in welche Stunde, in welche Jahreszeit wir uns zu verſetzen haben. Wir hören die Hähne krähen am frühen Morgen, auf einem Hof beginnend und auf allen Höfen des Dorfes erwidert. Daneben läßt ſich auch das Wiehern der Pferde am Rautengarten hören, und die Amſel ſingt auf der Birke vor dem Kammerfenſter in den dämmernden Morgen hinein(294). Da erhebt ſich der junge Mäher,kühlen Tau abſtreifend*)(272), und geht auf die Wieſe. Sollten es die Hähne, Pferde, das geſchäftige Rühren der Hausgenoſſen nicht vermögen, ſo iſt ſchon die Sonne da und, hinter dem grünen Walde aufſteigend(304) und den Nebel verſcheuchend, ſcheint ſie hinein in das kleine, klare Fenſter(302). Die junge Frau aber iſt unſchuldig, und der Mann thut nicht recht, wenn er ſie mit dem Birkenreis erwecken will(294):

Ich bin nicht ſchuld dran mein Knabe, Warum haſt du mir nach Abend Daß ſo finſter deine Kammer. Angebracht die Kammerfenſter? Ich ſah nicht das Frühlicht glänzen, Nicht herauf die Sonne ſteigen. Er weiß aber einen Ausweg:

ſeb Dein Köpfchen auf, mein Weibchen, Wirſt das Frühlicht ſehen glänzen

Offne dir die Aelchen auf, 6 Und d das 8 Pliche ſehen 3 Sie empfindet es wehmütig, daß ſie jetzt ſelbſt für ihre Pflicht einſtehen ſoll, früher erinnerten ſie liebreich die Eltern:

Habe Mutter nicht, noch Vater, Geh, mein Knabe, liebes Täubchen,

Habe niemand, der mich mahnet. Geh und wecke deine Schweſter!

Ach, ich bin'ne arme Waiſe, Einſam wie im Wald der Vogel.

Und wenn am Abend die rote Sonne ſinkt, wehen über die Heide leiſe Winde, in deren Hauch die Lilien ſich neigen(204). Das iſt die Zeit, wo die junge Frau das Elternhaus verläßt. Finſter ſinkt die Nacht hernieder(394), Nebel ſteigt aus der Wieſe, und Tau liegt auf den Pflanzen. Wer dann nicht unter ſchützendem Dache iſt, muß ſichauf Tau betten undmit

*) Sprichwörtlich: Wer den Tau nicht abſtreift, wird kein gut Brod eſſen. Schleicher a. a. O. 181.