Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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blauer Augentroſt und Nelken aller Art. Und wo der Anger beginnt und das Mädchen die Leinwand bleicht, iſt ein fiſchreicher Teich, von Waſſergeflügel belebt; auf der einen Seite wiegt ſich die grüne Linde, der Kuckuck kommt ab und zu geflogen(133), und Täubchen flattern herab, um zu trinken. Hier tränkt der junge Burſche ſein Roß, und das Mädchen ſpült das Linnen(100). Aber nicht alle Gehöfte ſind ſo idylliſch: wir hören das Mädchen klagen über den lügneriſchen Freiersmann, der von dem gemauerten Wohnhaus mit den kry⸗ ſtallenen Fenſtern geſprochen hat, von dem ſchönen Teich mit den Gänſen und Enten; und als das Mädchen hinkommt, findet esvon Strauchgeflecht das Wohnhaus, mit Stroh verſtopft das Fenſter und in ödem Teich nur garſtigen Schlamm(277). Um das Gehöft dehnen ſich die blumigen Wieſen aus, oft von Dämmen durchſchnitten, wo die Nachtigall im Weiden⸗ buſche niſtet, Brachäcker und Getreidefelder mit den Lerchenneſtern und Acker, wo roter und weißer Klee und blauer Flachs gedeiht. Eine ſchöne Daina, in welcher die arme Nachtigall in wogeerch beſchuldigt wird, den Landmann geſchädigt zu haben, führt uns mitten in die eelder(15):

1. O Nachtigallchen, 2. Wie ſollte ſingen 3. Die Pflüger haben

Du muntrer Vogel, Warum nicht ſingeſt Den ganzen Tag du?

4. Daß ich zertreten 5.

Das Gras der Wieſe, Daß ich geſcheuchet

Den ganzen Tag ich? Die Hirten haben Zerſtört mein Neſtchen.

Nicht wahr iſt's Knaben,

Was ihr geſprochen! Mit falſchen Worten

Mich ſelbſt gefährdet. Sie ſagen, daß ich Gepickt den Weizen,

. Nicht bin ich dorten

Umher geflogen, Gepickt nicht hab' ich

Die braunen Roſſe. Ihr mich bezichtet. Den Weizenacker.

7. Har nicht zertreten 8. Auf brachem Acker 9. Zu Gott wohl fleht' ich

as Gras der Wieſe, Schlief und erwacht' ich, Die ganze Nacht durch, Auch nicht geſcheuchet m Weidenbuſche Daß ſich nicht möchte Die braunen Roſſe. aut' ich mein Neſtchen. Ein Sturm erheben,

10. Daß er zerſtören Nicht möcht' mein Neſtchen, Mir nicht zerzauſen Die bunten Federn.

Hier und da iſt die Einförmigkeit der Felder durch Bäume freundlich unterbrochen. Seitab vom Dörfchen, ſeitab vom Wege wächſt eine grüne Linde mit tiefgeneigten Zweigen (90), auf der Wieſe ſteht ein Ayhorn, und zwiſchen ſeinen Wurzeln rieſelt eine Quelle; es iſt ein gar dämmriges, lauſchiges Plätzchen: die Mondesſtrahlen gleiten durch die laubigen Äſte, der Abendſtern(Gottesſohn vergl. Mannhardt, die lettiſchen Sonnenmythen, Ztſchr. f. Ethnologie 1875 S. 296) ſpiegelt ſich im Waſſer, und da iſt die Aufforderung ſo natürlich(5):

Komm hierher, mein Mädchen,

Komm hierher, du junges, Komm, laß uns ein Wörtchen koſen, Laß uns träumen ſüße Träume,

Wo die Quell' am tiefſten,

Wo die Lieb' am liebſten.

Auf dem Hügel wiegt ſich eine Linde im Winde über dem Grabe der lieben Mutter, oder eine Birkeſtreut ihres Laubes zitternden Schatten(297). Über den rieſelnden Bach neigt ſich der Weidenbaum, und hier kommen Hirtenknabe und Hirtenmädchen nach Verab⸗ redung zuſammen(114. ſ. S. 22). Die Fluren begrenzt ein Birkenhain oder ein größerer Wald mit Laub⸗ und Nadelholz, Buchen und Birken zumeiſt, aus welchem der Wolf,das Tier des Waldes auf die Weide tritt und das Kälbchen und das Füllen zerreißt, und der Fuchs nach den Hühnern des Vorhofes ſchleicht(19), wo die wilden Tauben gurren und die roten Heidel⸗ beeren wachſen..

Oſtlich vom kuriſchen Haff, im Stromgebiet der unteren Memel ändert ſich zum Teil dieſer Charakter der litauiſchen Landſchaft; der Bauer weichet dem Fiſcher, Wieſe und Feld der Heide und dem Dünenſande, oft mit Wald beſtanden, an deſſen Rande ſich die Wellen des