Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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mutiges Roßan den jungen Olbaum) vor Vaters blankem Fenſter, der ſo ſchöne weiße Blüten und ſchwarze Beeren trug, gebunden, und dieſes hat den Wipfel gebrochen. Der Vater ſchilt, ſie beſänftigt ihn in unſchuldigſter Naivetät(208):

Ich ſelber werde T will verbinden Gott wird dann ſchenken Nach Tilſit reiten, en jungen Olbaum Gelinden Regen, 3 Will grüne Seide kaufen. Mit grünen Seidenfäden. Wird deinen Olbaum heilen.

Und ſie bringt dem Superintendenten in Ragnit einen Nelkenſtrauß, weil er ihr den Geliebten angetraut hat(132). Die Schönheit des litauiſchen Dorfes wird gerühmt, man will es nie verlaſſen. Wer über das Feld zumgrünen Dörfchen reitet, hört ſchon von ferne die Hähne krähen aufbunten Höfen und die Hunde bellen; es iſt ſprichwörtlich, daß dadurch, durch ge⸗ flochtene Zäune und den Geruch von friſchem Gebäck ſich die Nähe des Dorfes ankündigt (Schleicher, Lit. Märchen, Sprichworte, Rätſel u. Lieder S. 162). Und da liegt es, von Gärten umgeben, zwiſchen Bäumen verſteckt mitten in grünen Wieſen(73). Die Höfe ſtoßen nicht unmittelbar aneinander, ſondern ſind durch Anger, mit weißem Klee bedeckt, getrennt. Aus dem Grün der Obſt⸗ und Waldbäume erheben ſich die Häuſer mit blinkenden Fenſtern, Fenſter von Demant werden oft erwähnt(17); es iſt für die Ebene ja charakteriſtiſch, daß ſich das Dorf ſchon von weitem durch in der Sonne blinkende Fenſter ankündigt, und auch Lenau braucht dieſen Zug für die Schilderung der ungariſchen Heide(Heideſchenke). Der Eingang iſt vom Hofe aus an der Längsſeite; der Freierritt heran zum großen Hofe, fand das Thor ver⸗ ſchloſſen; komm heraus, heraus, o Mädchen, öffne mir das Hofthor(64), und der Burſche, der in jener köſtlichen Daina(372) zur kranken Braut reitet, muß, da jetzt niemand Zeit hat, auf den Ankommenden zu achten, vom Pferde ſteigen und das Thor ſich ſelbſt öffnen. Es wird überſchattet vonſchlankem Ahorn(202) oder einergrünen Linde mit tiefge⸗ ſenkten Zweigen(299). Vor dem Fenſter wehen die leichten Zweige der Birke, in welcher die Amſel ſingt(294); auf dem Hofe ſteht eine Linde(55), in ihrem Wipfel ruft der Kuckuck, und in ihrem Schutze grünt der Raſen und blüht weißer Klee(210). Über den Hof ſchreitend gelangt man zur kletis oder swirna, einem Nebenhäuschen, der Schlafſtelle der Töchter, ſonſt auch zum Aufbewahren von Vorräten an Wäſche und Kleidern oder zur Aufnahme von Gäſten beſtimmt. Hier findet der Bräutigam das todkranke Mädchen(372), und die liebe Schweſter ſteht hier am frühen Morgen, während der Bruder ſein Roß ſattelt, um in den Krieg zu reiten, mit der Kerze an der Lade und ſucht ihm Leinenſtücke aus; er aber, auf dem dunkeln Hofe an ſeinen Braunen gelehnt, ſieht durch das Fenſter wehmütig ihr ge⸗ ſchäftiges Treiben. Von dem Hofe geht man in den eingezäunten Garten, der auf der andern Seite des Hauſes ſich befindet. Kuckuck und Nachtigall rufenunterm hellen Fenſter (259) in den Zweigen der Waldbäume, die der Litauer gern in traulicher Nähe hat, der Linde, Eiche und Birke. In der Hecke wächſt die Haſel, und auf dem Obſtbaum reift der rote Apfel; grüner Hopfen rankt ſich hoch empor, und unten am Boden auf reinlich gejätetem Beete gedeiht die Raute, die Lieblingspflanze des litauiſchen Mädchens mit der ſymboliſchen Bedeutung der Myrte, und blühen Roſenrot wie Blut, Lilien,im Abendwinde ſchwankend, ſtolze Päonien, dem Litauer ein Bild jugendlicher Lebenskraft, die duftigen Geſchlechter der Majorane, Thymiane,

2 So überſetzt Neſſelmann alywélis. Hr. Bartſch in Tilſit, ein trefflicher Kenner litauiſcher Sprache und Poeſie, ſchreibt uns:in der lit. Bibelüberſetzung heißt alywa Olbaum; mit alywas, alywélis wiſſen die jetzigen Litauer aber nichts Rechtes anzufangen;; ſie bezeichnen damit den ſpaniſchen Flieder, syringa vul- aris. Nun paßt aber dieſe Deutung oft gar nicht, wie gleich in dieſer Daina, wo weiße Blüten und ſchune Beeren erwähnt werden Da möchte man an den Holunder(Sambucus), dieſen geſelligen Baum, henken(lit. ſonſt szeimedis), und ſo überſetzt auch Völkel(Lit. Elementarbuch S. 74). Vielleicht verſchaffte der ölige, im Winter von den Vögeln ſehr geſuchte Samen der syringa ihr den Namen alywas(ſie gehört zu den Oleuceen), und die in Oſtpreußen ſehr gewöhnliche Verwechslung von Flieder und Halunder verführte auch die Litauer dazu, letzterem einen Namen zu geben, der nur der syringa zukam. Nachbarvölker ſich in ihrem Wortbeſtande beeinfluſſen, iſt ja natürlich. Wie die litauiſche Sprache den lexikaliſchen Beſtand der deutſchen in Oſtpreußen beeinflußt hat, zeigt Friſchbier(Preußiſches Wörterbuch), und es erfährt das jeder Oſtpreuße an ſich ſelbſt, wenn er im ‚Reich, ſeinen heimiſchen Wortſchatz unbefangen anwendend, für Wtuchehusdrü⸗ kein Verſtändnis findet. Umgekehrt zeigt jedes lit. Lexikon den Einfluß des Deutſchen aufs itauiſche.