— 14—
indogermaniſchen Idyll. Seitdem iſt man eifrig beſchäftigt, alles zu ſammeln, was ſich auf Sprache, Poeſie, Geſchichte, Sitte und Anſchauung der Litauer bezieht, ehe es zu ſpät iſt. Denn ſie haben, konſervativ wie kein anderes Volk, uraltes, indogermaniſches Erbe erhalten(in Betreff des Mythos hat es Mannhardt gezeigt), und ſo erſchließen ſich im Litauiſchen reiche Quellen für die Urgeſchichte unſerer aller. Und wäre es auch nicht in ſo reichem Maße der Fall, ſo wäre es doch immer eine Ehrenpflicht, eine Nation, deren Untergang wir Deutſche mit⸗ verſchulden(wenn bei ſolchen welthiſtoriſchen Proceſſen dieſer Ausdruck überhaupt anwendbar iſt), wenigſtens fortleben zu laſſen in der Geſchichte, d. h. zu ſammeln und aufzuzeichnen, was noch erhalten iſt. Vortreffliches leiſtet durch Zuſammenwirken ausgezeichneter Kräfte die vor fünf Jahren in Tilſit gegründete Litauiſche litterariſche Geſellſchaft, und ihre Publikationen ſind höchſt wertvoll. Es iſt wohl lohnend genug, mag man am Rhein oder an der Memel wohnen, Mitglied einer ſolchen Geſellſchaft zu werden und ſie dadurch geiſtig oder materiell zu unterſtützen, denn auch letzteres iſt für die Ermöglichung größerer Publikationen höchſt wichtig und bei der Geringfügigkeit des Jahresbeitrags ſo überaus leicht. Wir müſſen das Andenken eines edlen Volks erhalten, das, nicht ohne unſere Mitwirkung, bald nicht mehr ſein wird, und wir fördern damit das Wiſſen auch von unſerer eigenen Vorzeit. Um nun zu zeigen, daß es ein edles Volk iſt, das ſeinem Untergang entgegen geht(ſ. Völkel, die heutige Ver⸗ breitung der Litauer, Mitteil. d. L. L. G. II. 1), wollen wir einen Teil ihrer Poeſie, die Dainos— ſie haben außerdem Märchen, Rätſel und Sprichwörter in Fülle— einer Be⸗ trachtung unterziehen.
Wie ſchon ſeit dem vorigen Jahrhundert unſere großen Dichter auf die litauiſche Volks⸗ poeſie aufmerkſam wurden, welche Sammlungen ſeitdem veranſtaltet wurden, berichtet Bartſch in ſeinen ſchönen Aufſätzen, Mitteil. I. 186 ff. und II. 75 ff. Wir bemerken deshalb nur, daß wir uns auf die Poeſie des preußiſchen Litauers, wie ſie in Neſſelmanns Sammlung (Berlin 1853) vorliegt, beſchränken werden und haben keinen anderen Zweck, als dieſer Poeſie neue Freunde zu erwerben.
Es gehört zum Begriff der Volkspoeſie, daß ſich Land und Leute in ihr wiederſpiegeln. Wie aus den Homeriſchen Geſängen uns der Duft des Meeres anhaucht, Oſſian uns in die nebligen Heiden Schottlands führt, und in Kalewala Finnlands düſtere Fichtenwälder, Moore und blaue Seen vor unſern Blicken auftauchen, ſo zeichnen uns die Dainos die litauiſche Land⸗ ſchaft. Es iſt nur eine Skizzierung, und prunkende Farben fehlen, wo nicht Mannigfaltigkeit, ſondern eher eine gewiſſe ſtille Einförmigkeit ſtimmungsvoll wirkt. Vielleicht aber wird die Stimmung am ſtärkſten von dem Einförmigſten berührt, weil ſie dann, rein und ohne Miſchung verſchiedener Eindrücke, in der Anſchauung voll und ohne Reſt aufgeht: Meer, Heide, Düne, Wüſte, was kann es Stimmungsvolleres geben! So einförmig freilich iſt die litauiſche Land⸗ ſchaft nicht, nur der ebene Charakter derſelben möchte dieſe Bezeichnung rechtfertigen. In dieſer durch einen einzelſtehenden Hügel ſelten unterbrochenen Ebene finden wir aber Wälder und Heiden, Fruchtfelder, Wieſen, Flüſſe und kleine Seen und über das ganze Land, das im N.⸗W. das kuriſche Haff, ein echt litauiſches Gewäſſer, beſpült, zerſtreut Dörfer und einzelne Höfe. Die Litauer wohnen nicht in den Städten, ſie haben ſich von der Mutter„Erde, der Blüten⸗ ſpenderin“(zemynéle zedéklé) noch nicht losgeriſſen, und wer nicht eigenen Acker bauen kann, bearbeitet ihn in fremdem Dienſt. Königsberg, Tilſit, Ragnit, Memel(Klaipéda) werden in den Dainos erwähnt, ſogar Berlin und Potsdam, verehrungswürdig als Reſidenz des geliebten Königs(karaluzelis); aber in dieſe Städte führt ihn nur vorübergehend ein äußerer Grund, die Städter und ihre Sitten ſtehen ihm fremd gegenüber. Im Herzen des im Vaterhauſe ſchwer arbeitenden jungen Litauers ſteigt wohl einmal der Wunſch auf, es auch ſo gut zu haben, wie der Stadtbewohner, und dann möchte er gehen nach Memel„auf die grünen Schanzen“, um zu lernen „ſich zierlich unterhalten“, aber er bleibt ſchließlich doch auf heimiſcher Flur(Neſſelm. 36). Oder das Mädchen möchte nach Tilſit reiten*) und grüne Seide kaufen, denn der Geliebte hat ſein
*) Daß bei einem ſo roſſeliebenden Volke(Bartſch berechnet, daß in mehr als 50 Prozent der Dainos das Pferd erwähnt wird, die Raute in 30) auch die Frauen reiten, kann nicht außalen. Die Sitte ſchwindet aber immer mehr. Als Friedrich Wilhelm IV. einſt nach Memel kam, holten ihn junge Litauerinnen zu Pferde in Nationaltracht ein und geleiteten ihn, Dainos ſingend, zur Stadt.


