Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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v. Pierſon S. 139) berichtet, daß ſie jenes Wortſo artig auszuſprechen wußten, daß es auf zweierlei Art verſtanden werden konnte: als Deutſcher und als Dieb, Räuber. VIII. 425 ff. wird darüber geklagt, daß es Litauer giebt, die deutſche Geſänge ſingen und deutſch fluchen und beſonders tagtäglich ins Wirtshaus laufen, wie Deutſche es pflegen, bis alles verthan iſt.*)(Ahn⸗ lich IX. 277, VIII. 775, XI. 579). Die Abneigung gegen die Deutſchen ſpricht ſich recht naiv in einer litauiſchen Traumauslegung aus: träumt man von einem Zemaiten(ruſſ. Lit., ſ. Bezzen⸗ berger Lit. Forſchungen S. 38), ſo kommt man in feine, wenn von einem Deutſchen, in ſchlechte Geſellſchaft(Bezzenberger 86). Auch die verbiſſene Anerkennung deutſcher Überlegenheit finden wir bei Donalitius: trägen litauiſchen Frauen werden die deutſchen gegenüber geſtellt XI. 598 ff.:

Selbſt nicht Pilzen, daß Gott ſich erbarm' ach, werden wir koſten,

Schieben doch ſchon, wie die Regel gebeut, die Frauen der Deutſchen

Scheffel und Scheffel davon allorts in den Ofen zum Trocknen;

Daher ſind denn für uns Hundspilzen allein noch geblieben.

Die Vornehmheit wird anerkannt X. 608: die Bauern würden, wie ſtattlich gekleidete Herren, neben den Deutſchen, den Räten, ſicherlich zu ſitzen begehren, wenn die Frauen gut haushielten. Das war die Stimmung im 17. Jahrh., und heute beginnen ſchon hier und da Litauer ſich ihrer Nationalität zu ſchämen. Schreiber dieſes hat es oft gehört, wie ſie ſeinen Vater, einen Geiſtlichen in dem, was litauiſche Sprache betrifft, für klaſſiſch geltenden Pillkaller Kreiſe, bei Löſung eines Taufſcheins baten, ihre litauiſchen Namen auf dem Atteſt zu germani⸗ ſieren(über lit. Namen Hoffheinz Mitteil. d. L. L. G. I. 353 ff.). Das iſt ein bedenkliches Zeichen des ſchwindenden nationalen Bewußtſeins, da iſt's denn nicht mehr weit bis zum Sterben. Der ruſſiſche Litauer hat ſich, wie die neueſten politiſchen Vorgänge beweiſen, ein ſtärkeres Nationalitätsgefühl bewahrt; aber er kann darin auf ſeine preußiſchen Brüder nicht wirken. Es beſtehen zwiſchen ihnen zu wenig Beziehungen, teils infolge der bekannten Abſperrung Ruß⸗ lands, teils wohl auch infolge der Konfeſſionsverſchiedenheit(die preußiſchen Litauer ſind evangeliſch), welche ja um ſo ſchroffer trennt, je niedriger der Kulturgrad auf beiden Seiten iſt. Es wäre zu wünſchen, daß eine ſeit kurzem in Tilſit erſcheinende litauiſche Zeitung, Auszra(Morgenröte), ihren Zweck, die Liebe der Litauer zu ihrer Sprache und Nationalität zu erhalten, erreichte. Aber jedem Volke erſcheint nur einmal eine Morgenröte, und man darf nicht übertriebene Hoffnungen hegen. Die ſtaatlichen Inſtitutionen, Schule und Heer, germani⸗ ſieren unaufhaltſam, ohne daß der preußiſche Staat, was ja auch nicht in ſeinen Traditionen und Grundſätzen liegt, etwas dazu thut. Die Regierung hat ſich den Litauern gegenüber ſtets rückſichtsvoll und ſchonend gezeigt. Noch heute wird, wo auch nur wenige Litauer ſind, der Gottesdienſt auch in ihrer Sprache gehalten und den Konfirmanden litauiſcher Religionsunter⸗ richt erteilt. Wenn in den Schulen nicht mehr in litauiſcher Sprache unterrichtet wird, ſo iſt Lehrermangel der Grund und die Unmöglichkeit, zwei verſchiedenſprachige, große Abteilungen von einem Lehrer erfolgreich unterrichten zu laſſen. Die erſte Aufgabe des Staats iſt ja nicht, Nationalitäten zu pflegen, ſondern den Staatsgedanken zu verwirklichen und tüchtige Bürger zu erziehen, und was der Ethnograph und Sprachforſcher ſchmerzlich bedauert, kann eine praktiſche Regierung kaum ändern. Aber ein Eindringling bleibt der Deutſche doch, und wenn in der That Abneigung und Mistrauen gegen ihn bei dem Litauer auch heute noch be⸗ ſteht, ſo dürfen wir, billig denkend, ihm keinen Vorwurf daraus machen. Er hatte ſein gutes Recht, uns zu haſſen. Jahrhunderte lang hatte er Furchen gezogen am Saume des Urwaldes, hatte ſeine Herden gegen Wolf und Bär verteidigt, ſeine Netze in Fluß und Haff ausgeworfen,

3*) M. Prätorius(†⁵ 1707), der nach ſeinem übertritt zur katholiſchen Kirche viel geſchmähte und wiſſenſchaftlich lange verkannte oſtpreußiſche Pfarrer(viel klarer und vorurteilsloſer als ſein Zeitgenoſſe und Amtsbruder Lepner, der auch über die preuß.Lit. ſchrieb) berichtet, daß die Litauer die Deutſchen haſſen, weil ſie von ihnenumb ihre Religion, Gutt und Freiheit ge racht ſind, daß ſie es zu hindern ſuchten, daß Deutſche ſich in ihren Dörferneinniſteln, weil dadurch ihr Ruin entſtände. Und er giebt zu, daß, wo viele Deutſche, auch viele Krüge zu finden ſeien, und daß dort die lit. Bauern anders wären, als wo ſie unter ſich alin wohnten(S. 189). Man wird unwillkürlich an Bleichgeſicht, Rothaut und Feuerwaſſer erinnert;

herlich ſind dem Litauer manche Übel von den verhaßten Wokeczius gekommen Naturvölker gehen durch Berührung mit Kulturvölkern leicht zu Grunde, nehmen alle Laſter dieſer an und behalten ihre eigenen.