Aufsatz 
Über litauische Volkspoesie / von Richard Löbell
Entstehung
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llber litauiſche UVolkspoeſie.

In die Reihe der Völker, welche unſern Schriftſtellern intereſſant und eigentümlich genug zu ſein ſcheinen, um ihnen Typen für den, neben dem antiquariſchen jetzt ſo beliebten, ethno⸗ graphiſchen Roman zu liefern, ſind auch die preußiſchen Litauer getreten. Ernſt Wichert führte ſie in ſeinenLitauiſchen Geſchichten aus ihren ſtark gelichteten Hinterwäldern in die deutſche Litteratur, während ihre ruſſiſchen Brüder ſchon früher Eingang in die ſlaviſche gefunden haben (Mickiewicz, Kraszewski; Palangos Juze, Wilna 1863 von Bezzenberger als reizende Schilderung des lit. Volkslebens gerühmt, Jons ir Aniutia Petersb. 1877 u. a.). Vielleicht hat mancher erſt durch Wichert, deſſen NovelleAnſas und Grita auch im deutſchen Novellen⸗ ſchatz von Heyſe und Kurz Aufnahme gefunden hat(XIV 199), etwas Näheres von dieſem Volke gehört, das im äußerſten Winkel der äußerſten preußiſchen, im übrigen Deutſchland ohne⸗ hin nicht ſehr bekannten Provinz Oſtpreußen wohnt, und hat dann über daſſelbe, das außer im Kreiſe der Sprachforſcher und(wegen ſeiner trefflichen Pferdezucht) auch der Pferdekenner wenig von ſich reden machte, geurteilt: intereſſant, aber heruntergekommen. Das wäre aber nur zum kleinen Teil richtig, und Wichert hat wohl ſelbſt nicht gemeint, daß ſeine Schilderungen allgemeine Bedeutung haben ſollen. Er beobachtet bekanntlich ſehr ſcharf und ſchildert vortrefflich, aber er hat in einer Gegend gewohnt, die dafür bekannt iſt, daß ſie den Schwurgerichten viel zu thun giebt, und hat als Richter beſonders viel Gelegenheit gehabt, die Natur des dort lebenden Litauers gerade von ihrer Nachtſeite kennen zu lernen. Dieſe Bedenken gegen eine Generaliſierung der trefflichen Wichert'ſchen Schilderungen ſind ſchon in der Sitzung der Tilſiter litauiſchen litterariſchen Geſellſchaft vom 9. Dez. 1881(Mitteil. 1 348) geltend gemacht. Die Litauer ſind eine dem Untergange geweihte Nation, und untergehende Volksſtämme ſind nie beſonders liebenswürdig, können es nicht ſein und haben auch wenig Urſache dazu. Die edlen Charakterzüge, die nationalen Tugenden der Litauer ſchwinden natür⸗ lich mit ihrer Nationalität, und zwei demoraliſierende Stimmungen beherrſchen die Gemüter: der Haß gegen die Fremden, welche ſie zurückdrängten und ihnen durch ihre überlegene Kultur, die ſie nicht annehmen konnten oder wollten, den Keim zum Untergange brachten; und andererſeits eine neidiſche, verbiſſene Anerkennung jener Überlegenheit und ein Sichſchämen der eigenen Nationalität. Chr. Donalitius, der einzige nationale Kunſtdichter unſerer Litauer*), läßt erſtere Stimmung ſehr oft von litauiſchen Bauern ausſprechen. Alles Übel kommt von den Deutſchen (vokétis), z. B. N. XI 348. f.

Als ſich das Litauervolk mit den Deutſchen begann zu vermiſchen, Sieh, da ſchwand auch alsbald die frühere Reinheit der Sitten.

Wenn ein Deutſcher lüge und trüge, dürfe man ſich nicht wundern, aber jetzt thäten es ſogar litauiſch Redende(IX 136 ff.), und es iſt eine ſehr bittere Etymologie, den Namen der Deutſchen wokétis mit wogt ſtehlen und keikt fluchen zuſammenzubringen: VIII 881 Jr kad wokéczei tikt wogt ir keikt nesijadi(daß die Deutſchen allein ſich nicht ſchämen zu ſtehlen und zu fluchen). Ein Schriftſteller aus dem 17. Jahrh.(Prätorius, deliciae Prussicae herausg.

*) Zeitgenoſſe Friedrichs d. G. und Pfarrer im Gumbinner Reg.⸗Bez., ſchrieb Fabeln und Jdylllen, welche das lit. Bauernleben während der vier Jahreszeiten mit nicht zu verkennender moraliſcher Tendenz in Hexametern ſchildern. Ein vorzüglicher Beobachter lit. Volkslebens, ſchildert er Land und Leute natürlich und plaſtiſch, man wird oft an die prachtvollen Holzſchnitte des Schilderers deutſchen Bauernlebens Hans Sebald Beham erinnert. Seine Gedichte haben prtſchen Wert, wennſchon ſie bei Liebhabern parfümierter Salonlitteratur nicht Beifall ſinden würden, ebenſowenig wie Jeremias Gotthelf. Die Brutalität und die demoraliſierende Wirkung der Leibeigenſchaft iſt wohl von niemand treuer und anſchaulicher geſchildert worden als von Donalitius, und ſeine Gedichte haben daher auch großen kulturhiſtoriſchen Wert; es wäre nicht un⸗ lohnend, die kulturhiſtoriſchen Elemente aus ihnen herauszuziehen, es gäbe das eine ganze Sittengeſchichte des preußiſchen Litauers aus dem 18. Jahrh.(Ausgaben von Rheſa, Schleicher u. beſ. Neſſelmann)

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