Aufsatz 
Welchen Wert haben Schiller's Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen für die Pädagogik?
Entstehung
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überhaupt gibt es kein wiſſenſchaftliches Syſtem der Pädagogik, welches die Erziehung zur Sittlichkeit in erſter Linie auf die Ausbildung des Gefühls gründete. In Rouſſeau's Emil iſt es zwar ver⸗ ſucht, aber in ganz einſeitiger und inconſequenter Weiſe, und trotz vieler unſchätzbarer Beobachtungen im einzelnen oft ohne alle pſychologiſche Einſicht.

Es entſteht nun die Frage: Wie kommt der Menſch in dieſen äſthetiſchen Zuſtand, den er doch notwendig durchlaufen muß, um zu dem moraliſchen zu gelangen? ¹) Es wird im 18. Br. geſagt, daß es zwiſchen Materie und Form, zwiſchen Leiden und. Sinnlichkeit einen mittleren Zuſtand geben müſſe, und daß uns die Schönheit in dieſen mittleren Zuſtand verſetze. Dieſe mittlere Stimmung, in welcher Sinnlichkeit und Vernunft zugleich thätig ſind, wird nachher als der äſthetiſche Zuſtand bezeichnet. ²) Der äſthetiſche Zuſtand wird alſo in uns erregt durch das Schöne, folglich iſt das Schöne ein Mittel, den Menſchen ſittlich zu machen, und zwar, da wir oben geſehen haben, daß der äſthetiſche Zuſtand ein notwendiger Durchgang zur Sittlichkeit iſt, iſt das Schöne ein notwendiges Bildungsmittel.3) Das Schöne findet ſeine Darſtellung in der Kunſt, dieſe alſo ſoll ein Mittel zur Veredlung der Sitten ſein; aber hier erhebt ſich ein gewichtiges Bedenken. Die ganze Geſchichte erhebt dagegen Widerſpruch.4)Wohin wir immer in der vergangenen Welt unſre Augen richten, da finden wir, daß Geſchmack und Freiheit einander fliehen, und daß die Schönheit nur auf den Untergang heroiſcher Tugenden ihre Herrſchaft gründet. Wie kann Sch. mit dieſem Satze, der freilich einige Monate ſpäter als der erſte Teil der Briefe(1-9) geſchrieben iſt, die Stelle im 9. Brief vereinigen, wo es heißt:Der Künſtler iſt zwar der Sohn ſeiner Zeit, aber ſchlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder noch gar ihr Günſtling iſt. Eine wolthätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von ſeiner Mutter Bruſt, nähre ihn mit der Milch eines beſſeren Alters und laſſe ihn unter fernem griechiſchen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden iſt, ſo kehre er, eine fremde Geſtalt, in ſein Jahrhundert zurück, aber nicht, um es mit ſeiner Erſcheinung zu er⸗ freuen, ſondern furchtbar wie Agamemnon's Sohn, um es zu reinigen. Alſo an einer fremden, nicht nationalen Kunſt ſoll ſich der Künſtler zu dem erhabenen Berufe bilden, Erzieher ſeines Volkes zu ſein? Aber warum hat denn dieſelbe Kunſt früher nicht dieſe Wirkung gehabt?Der Römer des erſten Jahrhunderts hatte längſt ſchon die Kniee vor ſeinen Kaiſern gebeugt, als die Bildſäulen noch aufrecht ſtanden; die Tempel blieben dem Auge heilig, als die Götter längſt zum Gelächter dienten, und die Schandthaten eines Nero und Commodus beſchämte der edle Stil des Gebäudes, das ſeine Hülle dazu gab.) Warum alſo, fragen wir noch einmal, hat die Kunſt zu den Zeiten eines Nero und Commodus ihre erzieheriſche Wirkung ſo wenig geäußert, oder worin liegt der Grund, daß wir ihr jetzt trotzdem dieſe Wirkung zuſchreiben können? Der Widerſpruch iſt klar, und Sch. hat ihn ſelbſt empfunden,¹) er hilft ſich damit, daß er in den Briefen 1016 einen metap yſiſchen Begriff der Schönheit conſtruirt, dem er dann dieſe Wirkung zuſchreibt. Allein auch damit iſt uns nicht gedient. Wer beweiſt uns, daß ein ſolch a priori conſtruirter Begriff wirklich in der Erfahrung exiſtirt? Daß er nicht exiſtirt hat, hat Sch. ſelbſt nachgewieſen, daß er jemals exiſtiren werde, bleibt unbewieſen.*) Vielmehr ſagt Sch. ſelbſt:*)In dem wirklich vorhandenen Leben würden wir auch die Schönheit vergebens ſuchen, von der hier die Rede iſt. Dann aber, werden wir hinzufügen, können wir ſie auch nicht für die Erziehung gebrauchen.

¹) Anfang des 24. Br. ²) Schluß des 20. Br. ³) Anm. Freilich ergibt ſich dieſer Schluß erſt aus dem letzten Teile der Briefe 1727, in den erſten 9 Briefen ſteht Sch. noch im ganzen auf dem Standpunkte, den er in den Briefen an den Herzog einnimmt. Hier wird das Schöne und die Kunſt zunächſt nicht als notwendiges, wol aber als ſehr wichtiges Mittel für die Erziehung zur Sittlichkeit hingeſtellt.*) Br. 10. ³) Br. 9.) ſ. den Anfang des 10. Br. *) Der Widerſpruch iſt richtig hervorgehoben von A. Jung, Anm. zum 16. Br. ³) Br. 15.

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