Aufsatz 
Welchen Wert haben Schiller's Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen für die Pädagogik?
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

Daß ein Künſtler, und wenn er ſich an den Kunſtwerken aller Zeiten und Nationen gebildet hätte, jemals dazu gelangen könnte, die Schranken, die ihm ſeine Zeit und ſeine Perſönlichkeit mit ihren eigentümlichen Lebensbedingungen ſetzt, zu durchbrechen und das reine Schönheitsideal im Sch.ſchen Sinne darzuſtellen, iſt eine Fiktion. Man hat die obige Stelle des 9. Briefes, geſtützt auf Sch. s eigene Worte¹) in den Briefen an Goethe, auf dieſen gedeutet. Nun, iſt etwa Goethe der Dichter, der ſeine Nation zur Sittlichkeit erzogen hat?

Wir haben gefunden, daß der äſthetiſche Zuſtand eine notwendige Bedingung des ſittlichen iſt, folglich, haben wir geſchloſſen, da der äſthetiſche Zuſtand durch das Schöne herbeigeführt wird, iſt dieſes ein notwendiges Mittel, zum Sittlichen zu gelangen. Ja, es iſt ſogar nach Sch.s Anſicht das einzige Mittel, wenigſtens gibt er ſonſt keinen Weg an, auf dem der Menſch in den äſthetiſchen Zuſtand gelangen könnte. Dieſer aus Sch.s Vorausſetzungen ſich mit Notwendigkeit ergebende Schluß iſt auf den letzten Teil der Briefe gegründet und wird uns erſt verſtändlich werden, wenn wir den Begriff der Schönheit bei Sch. etwas näher prüfen.

In den Briefen an Körner ſucht Sch. die Frage zu beantworten, was in den Gegenſtänden ſelbſt liege, das uns veranlaſſen könne, ihnen das Prädicat der Schönheit beizulegen. Das Wolgefallen an der ſchönen Form beruhte nach Kant auf der ſubjectiven Zweckmäßigkeit von Einbildungskraft und Verſtand, d. i. auf der durch die ſchöne Form angeregten harmoniſchen Thätigkeit beider Kräfte, wonach er die Schönheit als Form der Zweckmäßigkeit einer Erſcheinung auffaßte, ſofern ſie ohne Vorſtellung eines Zweckes an ihr wahrgenommen wird.²) Obwol Sch. lebhaft die Schwierigkeit empfindet,einen Begriff der Schönheit objektiv aufzuſtellen und ihn aus der Natur der Vernunft völlig a priori zu legitimiren, ſo daß die Erfahrung ihn zwar durchaus beſtätigt, aber daß er dieſen Ausſpruch der Erfahrung zu ſeiner Gültigkeit gar nicht nötig hat,³) hält er dieſe Deduction doch für unübergehbar. Er beſtimmt den Begriff der Schönheit ſo:Analogie einer Erſcheinung mit der Form des reinen Willens oder der Freiheit iſt Schönheit. Schönheit iſt alſo nichts anders als Frei⸗ heit in der Erſcheinung. ⁴¹) Ausführlicher heißt es ſpäter:)Zeigt ſich nun ein Objekt in der Sin⸗ nenwelt bloß durch ſich ſelbſt beſtimmt, ſtellt es ſich den Sinnen ſo dar, daß man an ihm keinen Einfluß des Stoffes oder eines Zweckes bemerkt, ſo wird es als ein Analogon der reinen Willens⸗ beſtimmung(ja nicht als ein Produkt der Willensbeſtimmung) beurteilt. Weil nun ein Wille, der ſich nach bloßer Form beſtimmen kann, frei heißt, ſo iſt diejenige Form in der Sinnenwelt, die bloß durch ſich ſelbſt beſtimmt erſcheint, eine Darſtellung der Freiheit. Indem Sch. ſpäter den Begriff Schön⸗ heit auf das moraliſche Betragen anwendet, fährt er fort:Deswegen wird ſich ein moraliſches Betragen, wenn es nicht zugleich mit Geſchmack verbunden iſt, in der Erſcheinung immer als Heteronomie dar⸗ ſtellen, gerade weil es Produkt des Willens iſt. Denn eben darum, weil Vernunft und Sinnlichkeit einen verſchiedenen Willen haben, ſo wird der Wille der Sinnlichkeit gebrochen, wenn die Vernunft den ihrigen durchſetzt. Nun iſt unglücklicherweiſe der Wille der Sinnlichkeit gerade derjenige, der in die Sinne fällt; gerade alſo, wenn die Vernunft ihre Autonomie ausübt(die nie in der Erſcheinung vorkommen kann), ſo wird unſer Auge durch eine Heteronomie beleidigt.

Wir ſehen alſo, das moraliſche Betragen iſt hiernach dann ſchön, wenn es keine Heteronomie zeigt, d. h. wenn die Sinnlichkeit in dem Handeln nicht als durch den

¹) Br. No. 19: Sie werden in dieſen Briefen ihr Porträt finden, worunter ich gern Ihren Namen geſchrieben hätte, wenn ich es nicht haßte, dem Gefühl denkender Leſer vorzugreifen. Keiner, deſſen Urteil für Sie Wert haben kann, wird es verkennen, denn ich weiß, daß ich es gut gefaßt und treffend genug gezeichnet habe. ²) Kant, Krit. d. U. § 12.*) Br. an Körner vom 25. Jan. 93.) Br. an Körner vom 8. Februar. ³) Br. an Körner vom 18. Februar.