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genialem Scharfblick faßte er gerade die Lücke ins Auge, die Kant's Philoſophie gelaſſen hatte. Was ſittlich ſei, hatte Kant feſtgeſtellt, das Ziel der Erziehung war gegeben, aber wie die ſittlichen Ideen nun in dem Einzelnen entwickelt werden müßten, darüber ließ Kant im Unklaren. War die Frage einmal richtig geſtellt, ſo mußte über kurz oder lang die Wiſſenſchaft auch die richtige Antwort darauf finden.
Sehen wir nun im Folgenden, welche Antwort Sch. uns erteilt. Da die Briefe über äſthe⸗ tiſche Erziehung kein einheitliches Ganze bilden,¹) ſo dürfen wir uns auch geſtatten, die Reihenfolge der Sch.ſchen Unterſuchung zu verlaſſen. Sch. ſchiebt, wie ſchon bemerkt iſt, zwiſchen den natür⸗ lichen und den moraliſchen den äſthetiſchen Zuſtand ein²). In den Briefen 18—23 wird derſelbe entwickelt; wir wollen im Folgenden weniger die unzureichende metaphyſiſche Ableitung des⸗ ſelben, deren Mängel öfter hervorgehoben ſind,³) als das Thatſächliche, für unſre Frage Wichtige herausheben.
Der Menſch kann nicht unmittelbar vom Empfinden zum Denken(oder von der Empfindung zum Handeln nach moraliſchen Geſetzen) übergehen. Um die paſſive Beſtimmung der natürlichen Em⸗ pfindung mit der aktiven durch die Vernunft zu vertauſchen, muß er augenblicklich von aller Beſtim⸗ mung frei ſein. Dieſer mittlere Zuſtand, wo Sinnlichkeit und Vernunft zugleich thätig ſind, dadurch ſich aber aufheben, dieſe vorzugsweiſe freie Stimmung heißt der äſthetiſche Zuſtand..) Das Gemüt nämlich iſt beſtimmbar, ſofern es überhaupt nicht beſtimmt iſt, aber auch, ſofern es bei ſeiner Beſtim⸗ mung nicht beſchränkt iſt, dies letztere iſt die äſthetiſche Beſtimmbarkeit.„Die äſthetiſche Beſtimmbarkeit trifft mit der bloßen Beſtimmungsloſigkeit in dem einzigen Punkte überein, daß beide jedes beſtimmte Daſein ausſchließen.“„Im äſthetiſchen Zuſtande iſt der Menſch alſo gleich Null, inſofern man auf ein einziges Reſultat, nicht auf das ganze Vermögen achtet.“„Dieſe Anlage beſitzt der Menſch aller⸗ dings ſchon vor jedem beſtimmten Zuſtand, in den er kommen kann, aber der That nach verliert er ſie mit jedem beſtimmten Zuſtand, in den er kommt, und ſie muß ihm, wenn er zu einem entgegen⸗ geſetzten ſoll übergehen können, auf's neue durch das äſthetiſche Leben zurückgegeben werden.“ In der Anmerkung macht Sch. einen wichtigen Unterſchied unter den Menſchen je nach dem Verhältniß des äſthetiſchen Zuſtandes zum Willensentſchluß:„Zwar läßt die Schnelligkeit, mit welcher gewiſſe Karaktere von Empfindungen zu Gedanken und zu Entſchließungen übergehen, die äſthetiſche Stimmung, welche ſie in dieſer Zeit notwendig durchlaufen müſſen, kaum oder gar nicht bemerkbar werden... Dahingegen breitet ſich bei andern, welche ihren Genuß mehr in das Gefühl des ganzen Vermögens als einer einzelnen Handlung deſſelben ſetzen, der äſthetiſche Zuſtand in eine weit größere Fläche aus.“ Nachdem im 22. Briefe die Wirkuug ächter Kunſtwerke in dieſer Hinſicht geprüft worden iſt, heißt es im 23. Briefe:„Der Uebergang von dem leidenden Zuſtande des Empfindens zu dem thätigen des Denkens und Wollens geſchieht alſo nicht anders, als durch einen mittleren Zuſtand äſthetiſcher Freiheit.“„Es gibt keinen andern Weg, den ſinnlichen Men⸗ ſchen vernünftig zu machen, als daß man denſelben zuvor äſthetiſch macht.“„Die rein logiſche Form, der Begriff, muß unmittelbar zu dem Verſtand, die rein moraliſche Form, das Geſetz, unmittelbar zu dem Willen reden,.. dies, behaupte ich, muß durch die äſthetiſche Stim⸗ mung des Gemüts erſt möglich gemacht werden.“„Der äſthetiſch geſtimmte Menſch wird allgemein gültig urteilen und allgemein gültig handeln, ſobald er es wollen wird.“„Um den äſthe⸗ tiſchen Menſcheu zur Einſicht und großen Geſinnungen zu führen, darf man ihm weiter nichts als
¹) Vergl. Kuno Fiſcher, Schiller als Philoſoph. ²) Br. 24 ³) Von Tomaſchek a. a. O. von A. Jung, Schiller's Briefe über äſthetiſche Erziehung mit erklärenden Anmerkungen. Leipzig 1875. ³) Br. 20 und 21.


