Aufsatz 
Welchen Wert haben Schiller's Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen für die Pädagogik?
Entstehung
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Menſch, ehe er anfängt, zu philoſophiren, iſt der Wahrheit näher als der Philoſoph, der ſeine Unter⸗ ſuchung noch nicht geendigt hat. Man kann deswegen ohne alle weitere Prüfung ein Philoſophem für irrig erklären, ſobald daſſelbe, dem Reſultat nach, die gemeine Empfindung gegen ſich hat. Es war für die Zeit Sch.s und Fichte's karakteriſtiſch, alle philoſophiſchen Wahrheiten in der Form meta⸗ phyſiſcher Speculation darzuſtellen, für die einfache pſychologiſche Thatſache ſofort ihre Möglichkeit aus Gründen a priori nachzuweiſen. Und ſo werden wir auch in den Briefen über äſthetiſche Erziehung dieſe pſychologiſche Thatſache in verſchiedener metaphyſiſcher Verhüllung wiederfinden. Sie wird uns aber für das Verſtändniß derſelben und namentlich für die Abſchätzung ihres pädagogiſchen Werts hoffentlich wichtige Dienſte leiſten.

Die Briefe beginnen mit einer Betrachtung über die menſchliche Culturentwicklung. ¹), Der Menſch, ſobald er ſich über ſich ſelbſt beſinnt, findet ſich in dem Staate. Der Zwang der Bedürfniſſe warf ihn hinein, die Not richtete denſelben nach bloßen Naturgeſetzen ein. Dieſer Naturſtaat, in dem nicht das Geſetz, ſondern die Gewalt das Herrſchende iſt, ſoll von dem Menſchen in den Vernunftſtaat verwandelt werden, den Zuſtand, wo die rohen Kräfte der Natur im Menſchen nicht durch Gewalt, ſondern durch das Geſetz der Vernunft im Zaume gehalten ſind. Die Schwierigkeit für den Geſetz⸗ geber beſteht nun darin, daß der Naturſtaat um der Sicherheit und des Fortbeſtehens der Geſellſchaft willen nicht aufgehoben werden darf. Wird der Verſuch gemacht, ehe die Menſchheit für den Vernunft⸗ ſtaat reif iſt, ehe die Mehrzahl der Menſchen aus eigener Ueberzeugung und ohne Zwang das Gute thut, ſo werden nur die rohen Naturkräfte im Menſchen entfeſſelt, und Zerſtörung und Vernichtung der erreichten Cultur iſt die Folge. Man hat den Verſuch gemacht in der franzöſiſchen Revolution. ²), Die phyſiſche Möglichkeit ſchien gegeben, das Geſetz auf den Thron zu ſtellen, den Menſchen endlich als Selbſtzweck zu ehren und wahre Freiheit zur Grundlage der politiſchen Verbindung zu machen. Vergebliche Hoffnung! Die moraliſche Möglichkeit fehlt und der freigebige Augenblick findet ein un⸗ empfängliches Geſchlecht. Der reine Menſch wird nach Sch. ²) repräſentirt durch den Staat. Oben lautete das Problem, den Naturſtaat durch den Vernunftſtaat zu erſetzen. Streifen wir dieſem Problem ſeine metaphyſiſche Hülle ab, denn Naturſtaat und Vernunftſtaat ſind ſpeculativ entwickelte Begriffe, denen kein wirkliches Ding entſpricht, ſo haben wir das Erziehungsproblem. Der Naturſtaat iſt der Zuſtand des Menſchen, wo ſeine natürlichen, egoiſtiſchen Triebe herrſchen, der Vernunftſtaat derjenige, wo die Vernunft mit dem ihr eigentümlichen Geſetze, mit dem Sittengeſetze, die Gebieterin iſt. Wenn Sch. alſo das Problem ſtellt: Wie kann man den Naturſtaat durch den Vernunftſtaat erſetzen? ſo heißt das pſychologiſch: Wie kann aus dem natürlichen, unter der Herrſchaft ſeiner ſinnlichen Triebe ſtehenden Menſchen ein ſittlicher werden? In dieſer Form ſtellt Sch. das Problem uns dar im 24. Briefe: Es laſſen ſich drei verſchiedene Momente oder Stufen der Entwicklung unterſcheiden, die ſowol der einzelne Menſch als die ganze Gattung notwendig und in einer beſtimmten Ordnung durchlaufen müſſen... Der Menſch in ſeinem phyſiſchen Zuſtand erleidet bloß die Macht der Natur, er entledigt ſich dieſer Macht in dem äſthetiſchen Zuſtand, und er beherrſcht ſie in dem moraliſchen. Hier iſt als Ausgangspunkt der phyſiſche Zuſtand hingeſtellt, wo der Menſch unter der Herrſchaft der natürlichen Empfindungen ſteht, als Endpunkt der moraliſche, wo die Vernunft in ihm herrſcht.

Beide Ausführungen ſind für uns von Wichtigkeit. Wir finden in beiden das Erziehungs⸗ problem klar ausgeſprochen und dem Stande der Wiſſenſchaft gemäß formulirt. Wenn die Stellung der richtigen Frage überall in der Wiſſenſchaft von höchſter Wichtigkeit iſt, ſo dürfen wir behaupten, daß Sch. einen hervorragenden Platz in der Geſchichte der wiſſenſchaftlichen Pädagogik verdient. Mit

¹) Br. 3 und 4. ²) Br. 5. ³) Br. 4.