— 9—
ſtellung erhoben, ſind eben die ſittlichen Ideen. Vorſtellen auf der einen Seite und Gefühl oder Willen auf der andern Seite ſind aber nach Wundt coordinirte Teilerſcheinungen deſſelben inneren Vorgangs. Es entwickelt ſich alſo coordinirt mit jeder Vorſtellung mehr oder weniger bewußt zugleich eine ent⸗ ſprechende 2Eeg des Willens oder ein Gefühl, und umgekehrt ſetzt ſich eine 2Fα des Willens auf einer gewiſſen Stufe ſtets in eine Vorſtellung oder Idee um, vorausgeſetzt, daß die Entwicklung eine natur⸗ gemäße iſt. Daher iſt es klar, daß keine ſittliche Idee, wenn ſie wirkſam ſein ſoll, ohne ſittliches Gefühl denkbar iſt, nur wird es bei dem einen mehr, bei dem andern weniger zum Bewußtſein kommen, ja bei höchſter ſittlicher Fertigkeit namentlich in thatkräftigen Karakteren ſcheinbar ganz zurücktreten. Wenn alſo nach Kant's Anſicht die ſittlichen Ideen ganz allein den Willen beſtimmen ſollen mit Ausſchluß jeder Neigung des Menſchen, ſo iſt das falſch, wenn auch das der ſittlichen Idee correſpon⸗ dirende Gefühl, gleichſam ihr Revers, ausgeſchloſſen ſein ſoll, dagegen richtig, inſofern Kant jede Rückſicht auf eigenes Wol, alſo jede mehr oder minder egoiſtiſche oder eudämoniſtiſche Beimiſchung des Gefühls ausſchließt.
Abgeſehen von dem Einfluß Rouſſeau's, der Sch. wahrſcheinlich ſchon ſehr früh bekannt geworden iſt,¹) abgeſehen von Sch.s eigener größerer Fähigkeit, ſich vermöge ſeines dichteriſchen Talents die inneren Vorgänge zu reconſtruiren, dürfen wir auch wol einen Einfluß Fichte's in dieſem Punkte annehmen. Gerade in dieſer wichtigſten Abweichung von Kant ſtimmt er mit Fichte überein. Die Briefe über äſthetiſche Erziehung erſchienen 1794—95 in den Horen, und Sch. erwähnt darin zu⸗ ſtimmend Fichte's 1794 erſchienene Grundlage der geſamten Viſeenſchaftslehre; gerade hier findet ſich ein Verſuch, die Identität von Trieb und Gefühl zu beweiſen. Am Schluß derſelben ſpricht nämlich Fichte von der Wechſelbeſtimmung zwiſchen Trieb und Handlung. Beide ſollen ſich betrachten laſſen als an ſich beſtimmt und beſtimmend zugleich. Ein Trieb der Art, der ſich abſolut ſelbſt hervorbrächte, ein Trieb um des Triebes willen, iſt der kategoriſche Imperativ, das Sittengeſetz. Dieſer Trieb alſo ſoll ſich ſetzen laſſen als durch die Handlung beſtimmt.„Im Ich, ſagt er, kann nichts entgegengeſetztes zugleich ſein. Trieb aber und Handlung ſind hier entgegengeſetzt. So gewiß demnach eine Handlung eintritt, iſt der Trieb abgebrochen oder begränzt. Dadurch entſteht ein Gefühl. Auf den möglichen Grund dieſes Gefühls geht die Handlung, ſetzt, realiſirt ihn.“ Der mögliche Grund des Gefühls iſt eben der Anlaß, die Aufforderung zum Handeln, die durch eintretende Umſtände an uns ergeht, und die Vorſtellung einer beſtimmten, dem Triebe gemäßen Handlung, deren Verwirklichung in unſern Kräften ſteht, in uns hervorruft.
Fichte legt in dieſer Stelle dar, wie ſich der Trieb, d. i. hier die durch das Sittengeſetz beſtimmte Form des Willens, bei dem Anlaß einer beſonderen Handlung als Gefühl zum Bewußtſein bringt. Wir handeln nicht nach einer abſtrakten Idee von Ehre, von Gerechtigkeit, ſondern wir han⸗ deln in jedem einzelnen Falle aus einer Gemütsſtimmung, die wir als Ehrgefühl, Rechtsgefühl u. ſ. w. bezeichnen, alſo einem der ſittlichen Idee gemäßen und correſpondirenden Gefühle.
Es iſt allerdings keine Entlehnung dieſes Gedankens durch Sch. anzunehmen, denn ſchon vor dem Erſcheinen der Wiſſenſchaftslehre ſpricht er daſſelbe aus, wie wir unten ſehen werden, wol aber beſtärkte ihn die Zuſtimmung Fichte's jedenfalls in ſeiner Anſicht, wie er ja auch in der Methode ſeines Philoſophirens in den Briefen weſentlich ſeinem Vorbilde folgt. ²)
Wir dürfen in dieſer pſychologiſchen Wahrheit, die Sch. im Gegenſatze zu Kant hervorhebt, eine Haupttriebfeder ſeines Philoſophirens ſehen. Daß dieſe Wahrheit längſt ein Beſitz des geſunden Menſchenverſtandes war, konnte ihr bei Sch. nur zur Empfehlung gereichen.„Denn, ſagt er,) der
¹) J. Schmidt, Schiller und Rouſſeau, bei Virchow und Holtzendorff. ²) Tomaſchek a. a. O. ³) Br. 19. Anmerkung.


