Aufsatz 
Welchen Wert haben Schiller's Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen für die Pädagogik?
Entstehung
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einmal von Wieland ſagt, die Leiter, auf der er dieſe Höhe erklommen hat, nach ſich gezogen. Wir ſehen zu der Höhe hinauf, wo er ſteht, aber wir wiſſen nicht, wie wir ſelbſt dahin gelangen ſollen. Kantu) ſelbſt erklärt, wie ein Geſetz für ſich und unmittelbar Beſtimmungsgrund des Willens ſein könne, ſei ein für die menſchliche Vernunft unauflösliches Problem. Der pſychologiſche Nachweis, wie dieſer Zuſtand des Willens entſtehe, daß das Sittengeſetz für ihn beſtimmend ſei, daß die urſprünglichen egoiſtiſchen Strebungen ſich in ſittliche umwandeln, fehlt bei Kant. Daher denn auch weder von ihm noch von ſeiner Schule das Syſtem der wiſſenſchaftlichen Pädagogik ausgehen konnte; das war erſt durch Herbart möglich, der andere pſychologiſche Vorausſetzungen zu Grunde legte.

Sch. erkannte vollkommen an, daß bei der Aufſtellung des Sittengeſetzes, bei der Feſtſetzung deſſen, was als allgemeine Norm unſers Handels dienen müſſe, die Vernunft die einzige Stimme haben dürfe, dagegen erſchien ihm Kant's Forderung, daß ſie allein den Willen beſtimmen ſolle, daß ihr auch bei der Ausführung die einzige Stimme gebühre, ungerechtfertigt.Womit hatten es die Kinder des Hauſes verſchuldet, ſagt er,²) daß er(Kant) nur für die Knechte ſorgte? Weil oft ſehr unreine Neigungen den Namen der Tugend uſurpiren, mußte darum auch der uneigennützige Affekt in der edelſten Bruſt verdächtig gemacht werden? Später verſpottet er den Kant'ſchen Standpunkt in den Xenien:.

Gerne dien' ich den Freunden, doch thu' ich es leider mit Neigung, Und da wurmt es mich oft, daß ich nicht tugendhaft bin. Antwort: Da iſt kein andrer Rat, du mußt ſuchen, ſie zu verachten Und mit Abſcheu alsdann thun, was die Pflicht dir gebeut.

Sch. ſieht vollkommen ein, daß es einer Zwiſchenſtufe zwiſchen den ſittlichen Ideen und dem Handeln bedarf. Die ſittliche Idee als ſolche kann den Willen nicht beſtimmen; ſie wird nur wirkſam, wenn und inſoweit ſie Gefühl iſt.Wenn auf das ſittliche Betragen des Menſchen wie auf natürliche Folgen gerechnet werden ſoll, ſo muß es Natur ſein, und er muß ſchon durch ſeine Triebe zu einem ſolchen Verfahren geführt werden, als nur immer ein ſittlicher Karakter zur Folge haben kann.³) Die Vernunft leiſtet, was ſie leiſten kann, wenn ſie das Geſetz findet und aufſtellt, vollſtrecken muß es das mutige Gefühl und der lebendige Wille. Wenn die Wahrheit im Streit mit Kräften den Sieg erhalten ſoll, ſo muß ſie ſelbſt erſt zur Kraft werden und zu ihrem Wortführer im Reich der Erſcheinungen einen Triebaufſtellen, denn Triebe ſind die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt.) In den Briefen an den Herzog Friedrich Chriſtian von Schleswig⸗ Holſtein, herausgegeben von Michelſen, heißt es:)Auf den Karakter wird bekanntlich durch Berich⸗ tigung der Begriffe und Reinigung der Gefühle gewirkt, jenes iſt das Geſchäft der philo⸗ ſophiſchen, dieſes vorzugsweiſe der äſthetiſchen Cultur. Ebendaſelbſt: ⁶6)Die Natur regiert uns ebenſo durch moraliſche Empfindungen als durch ſinnliche Gefühle und hat das Menſchen⸗ geſchlecht ſchon Jahrtauſende dadurch regiert. Der Wille hat nach Sch.s Anſicht?) ohnehin einen un⸗ mittelbarern Zuſammenhang mit dem Vermögen der Empfindungen als dem der Erkenntniß. Ueber das Verhältniß ſeiner Anſichten zu denen Kant's iſt beſonders lehrreich der dritte Briefs) an den Herzog. Der Menſch iſt darnach auf der erſten Stufe rein ſinnlich, d. h. auf eine Empfindung folgt unmittelbar ein Begehren, eine That, Urſache und Wirkung ſind hier rein phyſiſch.Auf der zweiten Stufe, heißt es weiter, miſche ich mich ſelbſt als ein freies Principium und als Perſon in meinen

¹) Kritik d. pr. V. Drittes Hauptſtück. S. 128. ²) Ueber Anmut und Würde. S. 354. Cotta'ſche Ausgabe. ¹) Br. 4.) Br. 8.) Br. 2. ³) Br. 3.) Anm. und W. S. 356. ³) S. 109 bei Michelſen.