Die Cantica der Antigone kritiſch-exegetiſch vevidiert.
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Sed a quo incepto studioque me ambitio mala detinuerat, eodem regressus, ct. lautet das bekannte Wort Salluſts.— Was die Schuld geweſen, daß es dem bereits in den Fünf⸗ zigen ſtehenden Verfaſſer vorliegender Arbeit in dem abgelaufenen Schuljahre zum erſten Male vergönnt war, mit einer Prima ſeinen Sophokles zu leſen, nachdem bereits 1859 ſeine Doktordiſſertation dem gleichen Schriftſteller gegolten hatte— bleibe der Kenntnis Eingeweihter vorbehalten.— Keinenfalls wird man demſelben das Gefühl der Genugthuung verargen können, das er im Hinblick auf den wiſſenſchaftlichen Ertrag dieſer Lektüre empfindet. Obwohl der Verfaſſer ſich bewußt iſt, nicht das Neue, ſondern nur das Wahre geſucht zu haben, ſind es doch nicht weniger als fünfzig und mehr Stellen, darunter ganze Strophen, der Cantica der ſophokleiſchen Antigone, für die er ſich ſchmeichelt, teils eine richtigere Deutung gewonnen, teils des Dichters Hand wiederhergeſtellt zu haben.— So wenig der Verfaſſer wie in ſeinen Cruces philologicae(Mainz, Diemer 1883), ſo auch hier das Bentley'ſche sapere aude gegen⸗ über der handſchriftlichen Ueberlieferung verleugnet,*) ſo gilt es doch heute, zumal bei der Be⸗ handlung der tragiſchen Cantica, mit dem gleichen Worte daneben nach zwei anderen Seiten Front zu machen.
*) In dem Vertrauen zu ſeiner Methode hat den Verfaſſer auch nicht die abfällige Kritik Herrn Gymnaſial⸗ profeſſors Schlenger irre machen können, der in dem Herbſtprogramm 1890 des Mainzer Gymnaſiums zur Warnung, daß uns bei„einer gefühlvollen Auffaſſung, insbeſondere der Dichter“,„der Gaul nicht durchgehe“, auf den Verfaſſer glaubte exemplifizieren zu ſollen.— Ich hatte mich im zweiten Nachtrag zu meinen Cruces, betitelt„Und noch einmal die Cäſarbrücke“(Mainz, Diemer, 1884), worin ich auch eine, ſoweit ich gewahre, noch überſehene, neue Deutung des Wortes 5νQ☚ω, beziehungsweiſe der Einäugigkeit der Cyklopen vortrage, an der Erklärung des pater Romanus(verg. Aen. IX 449), in der Epiſode Niſus und Euryalus verſucht.— Zu meiner dort gegebenen Deutung, die das Wort Fichte's in Parallele zu ſetzen erlaubte:„Der Glaube des edeln Menſchen an die ewige Fortdauer ſeiner Wirkſamkeit auf dieſer Erde gründet ſich demnach auf die Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volkes, aus dem er ſelber ſich entwickelt hat“— dazu nimmt Herr Schlenger mit Folgendem Stellung:„Auch er(unſere Wenigkeit) faßt den pater Romanus als römiſchen Bürger, aber im engeren Sinne als Familienvater, und entwirft nun ein reizendes Bild, wie dieſer römiſche Familienvater die beiden opfermutigen Jünglinge ſeinen Söhnen als leuchtende Muſter zur Nacheiferung hinſtelle, mit dem Anfügen, dadurch gewinne auch imperium habebit erſt ſeinen ſchönen Sinn; das imperium Romanum verſpreche nur ſo lange Beſtand, als ſolche Geſinnung von den Vätern bei ihren Söhnen gepflegt werde. Das römiſche Erziehungsbild, das er ſo entwirſt, iſt um ſo reizender, als wir ſonſt aus dem Altertum kaum etwas Derartiges haben dürften, das ſich ihm an die Seite ſtellen ließe; es iſt ſo ſchön, daß es einem faſt wehe thut, es mit rauher Hand zerſtören zu müſſen.“— Alſo dieſem„römiſchen Erziehungsbild“ verſagt der Herr Kollege zu ſeinem Leidweſen den Glauben; und doch liegt„etwas Derartiges aus dem Altertum“ wirklich nicht ſo fern. Leſen wir nicht in Lübker's
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