er uns nun die Lösung des Räthsels, das er uns aufgegeben, weder an der Stelle selbst, noch auch etwa in der weiteren Erzählung mit gibt, so muss er glauben, die Striche gezeichnet zu haben, welche ausreichen, mit Sicherheit dem gesunden Sinn, wobei allerdings zuzusetzen ist, der eigenen Zeitgenossen, seine Meinung zu erschliessen. Wo das Ereigniss offenbar den Aeneas angeht und nicht den, dem das Augurium zunächst geworden— sonst bliebe unverständlich, warum gerade Aeneas dasselbe annimmt und nicht der letztere—; wo dasselbe weiter auch nicht zu Lebzeiten des Aeneas selbst kann geschehen sein, wie das„sera“ v. 524 verbietet: seraque terrifici cecinerunt omina vates, so ist klar, wir haben es mit einer Thatsache der römischen Geschichte zu thun. Bei der vorausgesetzten Selbstverständlichkeit muss das Geschehniss aber auch innerhalb des Hori- zonts der Zeitgenossen Vergil's liegen, und ganz besonders müsste sich nach den Intentionen des ganzen Dichtwerks ein solches empfehlen, welches das julische Haus nahe angeht. Wie wird das- selbe nun charakterisirt? 1) Es heisst v. 523 ritus ingens, ein grosses Ereigniss; 2) es ist schreck- licher Natur: die vates, die von ihm singen, werden terrifici genannt; 3) trotzdem muss es dem „hohen Sinn“ sich empfehlen, als mehr Gewinn denn Schaden bergend: nec maæxumus omen abnuit Aencas; 4) ist dem Dichter zuzutrauen, dass sein berichtetes Wunder selbst nicht ohne bedeutsame Beziehung zu dem angedeuteten Ereigniss sein wird. Was ist nun das Wesentliche bei jenem Wunder? Antwort: ein Materielles, auf dem Wege nach oben, kehrt nicht zur Erde zurück, sondern wird kraft göttlicher Einwirkung, durch himmlisches Feuer verzehrt, der irdischen Sichtbar- keit entrückt. Muss uns das nicht etwa an Herakles' Tod auf dem Oeta gemahnen?„Unsterb- liche heben mit feurigen Armen zum Himmel empor“, singt Goethe. Kann ein Zweifel sein, was der Dichter mit seinem Wunder hat versinnbilden wollen? Es ist: Mord und Apotheose Cäsars, das Ereigniss, wodurch demjenigen, dem das Werk in erster Linie gewidmet ist, der Ehrentitel gewonnen ward: Augastus Caesar Diwi genus(Aen. VI, 793).—
Zu diesem Ergebniss hatte uns, wie bereits angedeutet, sensus und iudicium geführt, als uns die doctrina einerseits die Bestätigung für die Richtigkeit desselben brachte, andererseits eine sehr schätzenswerthe Zugabe. Mein verehrter Herr College Professor L. Noiré, dem ich von Vor- stehendem Einsicht gab, war es, der mich zuerst auf die folgende Stelle in Sueton's Leben Cäsars cp. 88 aufmerksam machte, aus der zugleich erhellt, wie zu Vergil's Zeiten die von uns angenom- mene Beziehung unserer Stelle auch dem Verständniss des gemeinen Mannes zugänglich sein musste. Dort heisst es: Periit(Caesar) seto et quinquagesimo aetatis anno: atque in Deorum numerum relatus est, non ore modo decernentium, sed et persuasione vulgi, siquidem ludis, quos primo consecratus ei heres Augustus edebat, stella erinita per septem dies continuos fulsit, exoriens circa undecimam horam; ereditumgque est animam esse Caesaris in caelum recepti: et hac de causa simulacro eius in vertice additur stella.— Kein Zweifel, dass der Komet dieser Suetonstelle für des Dichters Phantasie den Anstoss gab zur Erfindung seines Wunders und damit zur originellen Erweiterung seines Vorbildes, des von Homer 859— 883 geschilderten Tauben- schiessens: gibt doch der Dichter selbst uns dafür einen deutlichen Fingerzeig mit dem Vergleich, womit er die Schilderung seines Wunders schliesst p. 527: caelo ceu saepe refixa] transcurrunt crinemque volantia sidera ducunt.
Die Beziehung dieser Vergil'schen Worte auf unseren Kometen ist denn auch, wie oben ange- deutet, in der Ladewig'schen Ausgabe inzwischen anerkannt, und sind folgende anderweitigen Stellen zur Erläuterung angezogen: Plin. nat. hest. II, 24, 93: cometes in uno totius orbis loco colitur in templo Romude, admodum faustus divo Augusto iudicatus ab ipso, qui incipiente eo appa- ruit ludlis quos faciebat Veneri Genetriei non multo post obitum patris Caesaris in collegio ab eo


