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Folgen wir noch einmal getreulich Cäsars Bericht. Suchen wir uns in jedem Augenblick ein klares Bild zu machen von dem, was er uns sagt; haben wir zugleich das Herz, wo er uns nichts sagt, das Selbstverständliche uns selber zu sagen und Belehrung von ihm im Weiteren nur bezüg- lich des sonst Unklaren zu erwarten. ¹)
Wir folgen, soweit wir nicht sachlich mit unsrer Deutung abweichen, bei Wiedergabe des Berichtes über den Bau der Brücke der Uebersetzung von Köchly-Rüstow.
Es heisst in§ 3:„r liess allemal ein Paar Jochpfähle von 1 ½ Fuss Dicke, am unteren Ende zugespitzt und je nach der Tiefe des Flusses von verschiedener Länge, in einem Abstand von 2 Fuss unter sich mit einander verbinden.“ Hier ist vorerst ein Doppeltes unbestimmt ge- blieben; einmal: in welcher Weise die„Jochpfähle“ zu Paaren verbunden waren? Daraus geht aber zweierlei hervor: 1) dass, und darauf wolle man wohl achten, das Bindeglied nicht von erheblicher Bedeutung für das ganze Werk sein kann, ²) und 2) dass wir bezüglich der Verbindung die einfachste und natürlichste vorauszusetzen berechtigt sind, das wird aber die durch in die Joch- pfähle eingezapfte Querriegel sein. Eine andere Frage, die ihre Beantwortung erwartet, ist: zu welchom Zweck diese paarweise Verbindung der Jochpfähle geschieht? Muss uns nicht, so lange nicht etwa eine anderweitige Angabe widerstreitet, die Vermuthung als die nächstliegende dämmern, es gelte mit der Verdoppelung der Pfähle wie ihrer Sperrung durch Querriegel eine Verstärkung der Widerstandskraft?
Doch wir lassen Cäsar weiter berichten.
§ 4 und 5.„Diese(die Jochpfahlpaare) wurden dann mittelst Maschinen in den Fluss hinabgelassen, festgesetzt und dann mit Rammen eingetrieben, jedoch nicht senkrecht, wie sonst die Jochpfähle, sondern schräge, wie Dachsparren, und zwar nach der Stromrichtung geneigt. Jedem dieser Paare gegenüber wurde ein gleiches, auf dieselbe Weise verbundenes Paar in einem Abstand von 40 Fuss(wieder selbstverständlich: auf dem Wasserspiegel abgemessen) unterhalb des vorigen eingerammt, doch so, dass es gegen den Strom geneigt war.“— Mit dem Gesagten muss nun schon jedem Leser von einigermassen Einbildungskraft und Urtheil klar geworden sein, worauf Cäsar hinaus will: es gilt ihm die Beschreibung dessen, was wir einen„Bock“ nennen. Aber noch ein Anderes wird uns nicht gesagt und muss doch als gewusst vorausgesetzt werden: klar, dass wir es uns darum nach Cäsars Annahme werden selbst gesagt haben. Nach welcher Dimension sind denn die Jochpfahlpaare, die„bignorum iuncturae“, wie sie§ 6 genannt werden,
1) Damit folgen wir getreulich der Anweisung, welche J. G. Fichte in seinen Grundzügen des gegen- wärtigen Zeitalters für das Lesen wissenschaftlicher Werke gibt. Er sagt dort pag. 91:„Erster Zweck beim Lesen derselben ist, sie zu verstehen und den eigentlichen wahren Sinn des Verfassers historisch zu erkennen. Hierbei muss man nun nicht also zu Werke gehen, dass man sich dem Autor leidend hingebe und ihn auf sich einwirken lasse, wie Ohngefähr und gutes Glück es will: oder, dass man sich von ihm vorsagen lasse, was er uns eben vorsagen will, und nun hingehe und es sich merke. Sondern, wie in der Naturforschung die Natur den an sie gestellten Fragen des Experimentators zu unterwerfen ist und zu nöthigen, dass sie nicht in den Tag hinein- rede, sondern die vorgelegte Frage beantworte: ebenso ist der Autor zu unterwerfen einem geschickten und wohl- berechneten Experimente des Lesers.“ Das gleiche Experiment, dessen weitere Beschreibung man bei Fichte nachlesen wolle, ist es ungefähr, das uns im Folgenden führen soll.
2) Hier sitzt der wunde Fleck, woran alle seitherigen Erklärungen unheilbar kranken, und sehen wir uns eben darum auch jeder weiteren Polemik wider die Einzelnen überhoben und im Rechte, einfach an Stelle des Falschen das nach unserer Ueberzeugung erkannte Richtige zu setzen. Dies gilt so gut von der Napoleon'schen Construction, wie namentlich auch der Heller's(Philol. X pag. 732), dessen„Bolzen“ sich Kraner noch am ersten gefallen lassen will, wie auch Köchly-Rüstow die fibulae mit„Bolzen“ wiedergegeben hat.(Ueber Feldbausch und Göler s. Nachtrag zu I, 3 u. 4.)


