CRUCES PHILOLOGICAE.
BEITRAGE ZUR ERLAUTERUNG DER SCHULAUTOREN.
VON
DE THEODOR MAURER.
Doctrina, sensus, iudlicium sind nach Gottfried Hermann's Zeugniss in seiner Dissertation über Bentley's Terenz die drei Stücke, die den Kritiker, sagen wir allgemeiner den Interpreten machen. Dass alle drei sich in gleicher Stärke vorfinden, ist um so seltener, als von ihnen einiger- massen das Gleiche gilt, was von den drei Stücken: ére, varnde guot und gotes hulde, die dort Walther von der Vogelweide gerne in einen schrin wolte:„der davederz dem andern schaden kuot“. Es ist darum Problemen der Interpretation und Kritik gegenüber in hohem Grade angezeigt, ehe man sich daran versucht, sich gegenwärtig zu halten, wo unsere Stärke, beziehungsweise Schwäche liegt, und dann die Natur der betreffenden Stelle darauf zu prüfen, welcher der drei genannten Eigenschaften sie sich zugänglich verspricht.
Der Verfasser hofft in dieser Hinsicht keiner Täuschung zum Opfer gefallen zu sein, wenn er einer deutschen Gymnasialsitte seinen Tribut leistend, im Folgenden an einer Anzahl Stellen sich versucht, die zum grösseren Theile seit Alters die Gelehrten beschäftigt, deren Deutung aber noch immer die die Richtigkeit verbürgende Uebereinstimmung vermissen lässt.
I.
Wir versuchen uns zunächst an der alten cruæ philologorum der fibalae in Cäsars Bericht von seinem Brückenbau über den Rhein B. G. IV, 17, 6.— Welche Schmerzen deren Deutung den Gelehrten schon bereitet hat, zeigt die bunte Auswahl Verdeutschungen, die das Wort sich hat gefallen lassen müssen. Einem sind es„Klammern“, dem Zweiten„Bolzen“, wieder Einem„Spannriegel“, dem Vierten gar„Diagonalverbindungsbalken“. Und wie sehr es noch einer jeden dieser verschiedenartigen Deutungen an derjenigen Evidenz gebricht, die man bei der sonstigen Klarheit Cäsars doch billig fordern muss, mag Kraner lehren, der die wider die eigne Deutung geltend gemachten Bedenken zugibt und doch in der bezüglichen Anmerkung seine seitherige Auf- fassung von„Klammern“ festzuhalten erklärt,„weil die Ansichten noch immer sehr abweichen“. Wie es keinem Zweifel unterliegt, dass die Deutung des technischen Ausdrucks„fibulae“ hier aus der richtigen der ganzen Stelle wird müssen erschlossen werden, so lässt das Schwankende des seit- herigen Ergebnisses auf einen gemeinsamen Grundirrthum schliessen, der dann bei der daraus folgenden Unklarheit willkürlicher Phantasie Raum gab. Und in der That ist unsere Stelle eine solche, wo alle doctrina nicht vor einem capitalen Grundirrthum geschützt hat, und nur der sensus, noch mehr das iudicium wird die Sache ins Blei bringen können.


