Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
Einzelbild herunterladen

27

Auch Deusdona genoß auf ſeinen zahlreichen Reiſen wohl vielfach Gaſtfreundſchaft. Als er im Winter 826/27 in eigenen Angelegenheiten in Aachen ſich befand, lud ihn z. B. Einhardhumanitatis causa velut peregrinum zweimal zum Frühmahl zu ſich ein. Dafür fand aber auch Einhards Notar Ratleik nebſt Hun im folgenden Sommer zu Rom im Hauſe Deusdonas gaſtfreundliche Aufnahme, und beide genoſſen dieſelbe ſolange, als ſie in Rom weilten.¹) Ratleiks und Huns Diener hatten anderswo, vielleicht in einem Kloſter, ſicherlich aber nicht ſämtlich mit ihren Herren in Deusdonas Hauſe, Unterkunft und Unterhalt gefunden, denn, nachdem berichtet iſt, daß Ratleik und Hun allein, nur mit ihren Dienern zuſammen, den zweiten Reliquiendiebſtahl ausgeführt haben, ſchließt der Satz mit den Wortenad hospitia sua reversi sunt.

Unterwegs hatte freilich Ratleik mit ſeinen Leuten wohl auch manchmal auf eigene Koſten leben müſſen. Erſtens hatte ja Einhardpecuniam propter viaticum mitgegeben, ſodann aber ging auch ſpäter, wie uns Einhard erzählt, das Gerücht, daß der an den Gebeinen des heiligen Marcellin durch Hun verübte Diebſtahl, von dem faſt das ganze zweite Buch der translatio handelt, auf der Rückreiſe in einemWirtshaus (diversorium) begangen worden ſei, als alle Leute Ratleiks vor Trunkenheit in Schlaf geſunken waren. ²) Wenn auch dieſes Gerücht auf einem Irrtum beruhte, ſo beweiſt es doch ſoviel, daß es damals Gaſthäuſer für den Fremdenverkehr gab und daß ſie benutzt wurden.

Zum Schluß unſerer Unterſuchung über das Reiſen zu Einhards Zeit möge noch ein kleines Reiſeabenteuer aus dem Jahr 828 erzählt werden.

Als am 19. Juni des genannten Jahres Theothard, der ſchon mehrfach genannte Diakonus des Abts Georgius vom St. Salviuskloſter zu Valenciennes, auf ſeiner Reiſe von Aachen nach Valenciennes etwa um Mittag bei dem königlichen Hofgut Waſidiums) im Haspingaut) anlangte und auf einer Wieſe, die in der Nähe des Dorfes lag, mit ſeinem Begleiter abſtieg, um die Pferde ein wenig graſen zu laſſen ſiehe, da kam einer von den Dorfbewohnern daher, der war buckelig und hatte von den Zahnſchmerzen, an denen er nach ſeiner Ausſage ſchon lange litt, eine ſtark geſchwollene Backe. Wütend ſprang er mit der eiſernen Heugabel, die er auf der einen Schulter trug, auf die Wieſe und ſchrie den Theothard ſamt ſeinem Begleiter an: wie ſie dazu kämen, ihre Tiere auf ſeiner Wieſe weiden zu laſſen! Der Diakonus war gerade damit beſchäftigt, die Reliquien am Ende eines Stockes, den er in die Wieſe geſteckt hatte, auf⸗ zuhängen. Gelaſſen entgegnete er dem Wütenden:Es wäre Dir beſſer, daß Du vor den heiligen Reliquien, die ich eben in den Händen halte, niederfieleſt und zu Gott beteteſt, daß er Dir um dieſer Heiligen willen von Deinen Zahnſchmerzen verhülfe; denn Deine dicke Backe ſagt mir, daß Du im Munde arge Schmerzen haſt. Da warf der Mann die Gabel, die er in die Hand genommen hatte, hin und betete, wie der Diakonus ihm geraten hatte, um Geneſung zum Herrn. Nicht lange darnach, als er ſein Gebet geendet hatte, erhob er ſich völlig geſund und munter; denn nicht allein die dicke Backe im Geſicht war verſchwunden, ſondern auch der Höcker auf dem Rücken. Eilends lief der Geneſene ins Dorf, rief alle Verwandten und Nachbarn zuſammen und hieß ſie mitkommen, um Gott zu loben und zu danken. Bald ſtrömte auf der Wieſe eine ungeheuere Menge Volks zuſammen aus der ganzen umliegenden Gegend, und alle baten den Diakonus, die Nacht bei ihnen zu bleiben. Er willfahrte ihnen, weil er ſie entſchloſſen ſah, ihn auch gegen ſeinen Willen dazubehalten. Die ganze Gegend aber tönte die Nacht hindurch von Lobgeſängen wieder.

¹) Romam venientes in domo ipsius, quocum venerant, diaconi hospitium acceperunt(tr.§ 6) und post haec Ratleicus, cum hospite suo locutus, rogat, ut.... se in patriam redire volentem nulla non necessaria dilatione detineat(§ 11).

²) cum inde(Roma) reverterentur et in quodam loco communi diversorio uterentur, tuis omnibus ebrietate ac somno depressis u. ſ. w.(§ 24.)

³) Heute Viſé ³⁴) Heute La Hesbay, Teil der Provinz Lüttich.