Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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des Reiſens zu damaliger Zeit die Lektüre dertranslatio in uns anregt und zu deren Beantwortung ſie uns zugleich einige, freilich nicht ſehr bedeutende Anhaltspunkte giebt.

Zunächſt ſcheint ſicher, daß bei Übertragungen von Reliquien und ſolche kamen gerade damals ziemlich häufig vor die Reiſenden nicht ſelten in Kirchen Unterkunft fanden, ſchon um deswillen, weil der betreffende Reliquienſchatz, der unterwegs häufig die Nächte über in Kirchen aufgeſtellt wurde, bewacht werden mußte. Daß dabei aber auch in den Kirchen recht feſt geſchlafen wurde, wie dies nach den Anſtrengungen der Tagreiſe im Grunde faſt ſelbſtverſtändlich iſt, zeigt die Ausſage des Presbyters Hun über die Zeit, in der Einhards Reliquien in Pavia und zwar in der Kirche Johannes des Täufers verwahrt wurden(vergleiche Seite 7). Hun hatte ſeinem Abt Hilduin darüber folgendes berichtet:quadam nocte, cum et ipse inter caeteros ad easdem excubias in ecclesia vigilaret, contigit, ut ipse asserit, circa mediam fere noctem, ut obripiente paulatim somno, universi, qui clerici et laici intra eandem ecclesiam vigilandi causa convenerant, praeter se solum obdormirent. Wenn nun auch zwar dieſe ganze Geſchichte von Hun erlogen war, ſo war ſie doch, wie ſich von dem geriebenen Hun erwarten ließ, nicht ſo dumm erdichtet, daß ſie Unwahrſcheinliches enthalten hätte; ſonſt hätte ſie Hilduin nicht geglaubt und Einhard ſich nicht ſo geängſtigt. Ferner, als letzterer bei der überführung ſeiner Heiligen von Michelſtadt bis Mühlheim die Reliquien am erſten Tage nicht weiter als Groß⸗Oſtheim bringen konnte, wurde der Schatz in die daſelbſt befindliche Martinskirche gebracht und der größte Teil der Begleiter bei demſelbenad excubias zurück⸗ gelaſſen. Einhard ſelbſt ritt in der Nacht mit wenigen ſeiner Leute noch bis Mühlheim, wo er übernachtete. Endlich bei der Übertragung des heiligen Veit von St. Denis nach Korvey im Jahre 836 kam es unterwegs in Summaharna(St. Etienne à Arne) vor, daß das niedere Volk, welches, wie es damals Sitte war, den Tag über die Reliquien getragen und begleitet hatte, die Nacht in der Kirche des Orts zubringen wollte, wie die Geiſtlichen und die Diener der Geiſtlichen; aber es wurde hinausgewieſen, weil die Kirche zu klein und des Volkes zu viel war. ¹) Die geringen Leute mußten alſo vor den Thüren der Kirche im Freien über⸗ nachten. Letzteres kam auf Reiſen damals wohl häufig vor, zumal wenn die Reiſegeſellſchaft eine große war und daher, wenigſtens in Wildniſſen und Wäldern, die Angriffe wilder Tiere nicht gefährlich waren. In der translatio findet ſich indeſſen kein Beiſpiel von einem Nachtquartier im Freien, man fand wohl, ſo ſcheint es, meiſtenteils auch in der Fremde bei gaſtfreundlichen Menſchen Unterkunft. Hruodrad, der Prieſter aus Mayen in der Eifel, kehrt, als er in Mainz aus Mangel an Reiſegefährten in Verlegenheit geriet, bei einem Manne im Odenwald oder Maingau ein, der ihm bekannt war, und blieb bei ihm, bis er Reiſe⸗ gefährten gefunden hatte.²) Der blinde Aquitanier Albrich, den Mainzer Kaufleute auf ihrem Schiff mit nach Mühlheim gebracht hatten, findet im Hauſe des Guardians der Kirche ſieben Tage lang gaſtfreundliche Aufnahmes.) Kirchen und Klöſter erſcheinen überhaupt als ganz beſonders gaſtfreundlich gegen arme oder pilgernde Reiſende. Der griechiſche Pilgermönch Baſilius, den Ratleik im Jahre 827 in Rom antraf, genoß mit ſeinen vier Schülern damals bereits zwei Jahre lang die Gaſtfreundſchaft anderer Griechen ſeines Ordens. Und wie ſich der ſchon erwähnte Reliquienhändler Felix auf ſeinen Wanderungen durchſchlug, zeigen folgende Stellen aus Liutolfs Werk über St. Severus: nachdem geſagt iſt, daß Felix mit einigen Gefährten zu einem Kloſter bei Ravenna gekommen war, heißt es weiter:ibique religionis gratia quasi peregrinus susceptus est; nachdem er die gaſtfreundlichen Mönche um die Reliquien des heiligen Severus beſtohlen hatte, flüchtete er nach Pavia; als hier um dieſelbe Zeit(es war im Jahre 836) der Mainzer Erzbiſchof Otgar in kaiſerlichem Auftrage anlangte, begab er ſichad hospitium Otgarii. Mit und in dem nGefolge des Erzbiſchofs kam er dann glücklich nach Deutſchland.

¹) in initio vero noctis eiecta plebe foris ecclesiam, quia parva erat et multitudo populi magna.

²) divertit ad quemdam pagensem nostrum, qui ei cognitus fuerat, nomine Hildebertus.

³) Qui cum ibi egressus atque in domo custodis ecclesiae esset hospitio receptus septem vel eo amplius dies ibidem moratus est. Translatio§ 39.