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machte die Reiſe von Köln nach der Stätte der Heiligen ebenfalls zu Schiff:„quoniam aliter commode- nequiverat, in nave mercatorum advecta est.“ Auch der leidende Einhard entſchloß ſich, als ihn ſeine geſchwächte Geſundheit, die ihm die Weiterreiſe nach Compidgne unmöglich machte, nach Hauſe trieb, die Rückreiſe von Gent nach Mühlheim zu Schiff zu bewerkſtelligen.„Ich kann,“ ſchreibt er an die Kaiſerin und an den Kaiſer,„dahin in fünfzehn Tagen zu Schiff(navigando, navigio) von Gent aus gelangen,“ alſo freilich in etwas mehr Zeit, als er zur Landreiſe gebraucht hätte(zehn bis zwölf Tage). Die Waſſerſtraße von Gent nach Mühlheim machte ja aber auch mehrere große Bogen, denn ſie führte ihn erſt die Schelde abwärts, dann die Maas, den Waal, Rhein und Main aufwärts, ſein Schiff fuhr alſo faſt die ganze Strecke gegen den Strom.
Stromaufwärts gehende Schiffe benutzte man im ganzen doch wohl nicht ſo leicht ohne Not, weil dieſe Art zu reiſen ſehr zeitraubend war. Anders war es indes, wenn man mit dem Strom fahren konnte, da gewann man im Vergleich zur Landreiſe ſicherlich viel Zeit. Aus dieſem Grunde beſtieg gewiß Ratleik mit den Körpern der Heiligen bei Straßburg ein Rheinſchiff!) und benutzte den Waſſerweg, ſolange es ihm möglich war, nämlich bis Portus; wo dieſer Ort lag, iſt freilich nicht ſicher, jedenfalls aber unter der Neckarmündung. Auch Kaiſer Ludwig benutzte wiederholt die Waſſerſtraßen des Rheins und Mains, aber, ſo weit wir ſehen, eben auch nur„secunda aqua;“ d. h. ſtromab. So berichten von ihm die ſogenannten annales Einhardi zum Jahre 819:„deinde Bingiam veniens, secunda aqua Confluentem usque per Rhenum navigavit,“ und zu 826:„transacta(in der Nähe der fränkiſchen Saale) autumnali venatione, circa Kal. Octob. per Moenum fluvium usque ad Franconovurd secunda aqua navigavit.“
Es bleiben nunmehr noch zwei Punkte aus dem Reiſeleben damaliger Zeit zu beſprechen, auf die wir durch einzelne Stellen der translatio hingewieſen werden. Über die Unſicherheit der Landſtraßen zu Ludwigs Zeit finden wir in Einhards Schrift, trotzdem ſie ſo viele Reiſen erwähnt und trotzdem Einhard die im Reich herrſchenden Zuſtände als ſehr ſchlimm ſchildert, nirgends die geringſte Klage geführt, auch in Einhards Briefen nicht. Es muß ſomit der Reiſende, beſonders derjenige, der heilige Orte aufſuchte oder in kaiſerlichem oder kirchlichem Auftrage ſich auf Reiſen begab— und mit ſolchen Leuten haben wir es ja faſt ausſchließlich hier zu thun— doch eines durch das Anſehen des Kaiſers oder der Kirche bewirkten ziemlich ſtarken Schutzes ſich erfreut haben. Soviel ſcheint aus dem gänzlichen Schweigen über dieſen Punkt hervorzugehen. Kein einziges gefährliches Reiſeabenteuer, in dem ſich die Hülfe der heiligen Marcellinus und Petrus gewiß erſt recht bewährt haben würde, wird erwähnt— abgeſehen von jenem durch die herrſchende Dunkelheit veranlaßten Umherirren im Taunus(Seite 15). Wir haben in dieſer in Vergleich zum ſpäteren Mittelalter gewiß ſehr auffälligen Erſcheinung wohl noch die ſegensreichen Nachwirkungen der ſtarken und allerwärts Ordnung ſchaffenden Regierung Karls des Großen zu erkennen. Freilich vor perſönlichen Feinden und böſen Freunden mußte man immerhin auf ſeiner Hut ſein. So war dem Schreiber Ratleik nicht ganz wohl zu Mute, als er mit dem Reliquienſchatze allein über die Alpen zog; Hun, der nichts erreicht hatte, war, wie wir wiſſen, vorausgeeilt, gerade vor ihm, dem bisherigen Reiſebegleiter, fürchtete ſich Ratleik:„veritus, ne presbyter Hilduini, quia vafer et lubricae fidei videbatur, aliquid impedimenti sibi in via, qua ire dispositum habebat, machinari debuisset“ heißt es translatio§ 13. Eben deshalb wählte Ratleik einen anderen Weg. Wenn man ſich übrigens damals, wie es ſcheint, auf Reiſen im allgemeinen ziemlicher Sicherheit erfreute, ſo kam dies wohl noch daher, daß— die Briefboten ausgenommen— nicht leicht ein einzelner Mann für ſich allein eine weite Reiſe antrat.
Als Hruodrad, ein Presbyter aus der Eifel, mit Erlaubnis ſeines Vorgeſetzten, des Mainzer Erzbichofs, in derſelben Zeit, von der wir handeln, eine Pilgerfahrt nach Rom machen wollte, fand er, in Mainz angekommen, hierſelbſt keine„homines, cum quibus illud iter peragere potuisset.“ Er kehrte darum
¹) inde per Rhenum secunda aqua navigantes.


