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war ſehr ſchlecht, es hatte die ganze Nacht geregnet, dazu wurden die Reliquien von Einhards Leuten oder von ſolchen, die ſich unterwegs angeſchloſſen,„getragen.“ ¹) So kam es, daß man ſich„inclinante vespera“ erſt in der Nähe von Oſtheim befand, das vier Meilen von Michelſtadt und über zwei Meilen von Mühlheim entfernt liegt. Es wurde alſo hier Halt gemacht und übernachtet. Einhard ſelbſt ritt indeſſen noch in der Nacht mit wenigen Begleitern bis zu der erwählten Ruheſtätte der Seligen, bis Mühlheim. Mit dem„erſten Morgengrauen“ ſtieg er wieder zu Pferd und ritt, gefolgt von einer außerordentlich großen Menſchenmenge, den Heiligen entgegen. Er traf ſie bei Stockſtadt am Main, ziemlich halbwegs zwiſchen Oſtheim und Mühlheim. Solch eine zahlreiche, großenteils doch nur aus Fußgängern beſtehende Begleitung drückte die Reiſegeſchwindigkeit natürlich bedeutend herab. Mit geradezu erſtaunlicher Langſamkeit bewerkſtelligte Einhard im Sommer 828 ſeine Rückreiſe von Aachen nach Mühlheim, eben weil aus den der Straße nahegelegenen Orten Tag für Tag Leute herbeieilten, um die Reliquien St. Marcellins, die er damals bei ſich führte(vergleiche Seite 8), zu tragen. Auf dieſe Weiſe brauchte Einhard ſechszehn Tage, um von Aachen bis Mühlheim zu kommen, alſo neun bis zehn Tage mehr als ſonſt. Statt vier bis fünf Meilen hatte er diesmal nur zwei Meilen täglich gemacht.
Fünf Meilen täglich zurückzulegen ſcheint nämlich nach unſeren Feſtſtellungen, wenn ſie überhaupt einen ſolchen Schluß geſtatten, bei längeren und nicht durch beſondere Verhältniſſe beeinflußten Reiſen die durchſchnittliche Leiſtung eines Reiters damaliger Zeit geweſen zu ſein, vorausgeſetzt, daß er eben die Reiſe auf einem und demſelben Pferde machte. Die von uns oben Seite 22 gegebenen Zahlen ſind auf keinen Fall zu hoch, ohne Zweifel vielmehr zu niedrig gegriffen, da wir die Entfernungen nur nach der Karte und nicht nach dem Lauf der Straßen angeben konnten und Terrainſchwierigkeiten ganz unberückſichtigt laſſen mußten. Wenn wir nun ferner bedenken, daß ſich damals die Straßen im Vergleich zu unſerer Zeit offenbar in einem ſehr ſchlechten Zuſtande befanden, daß überhaupt die gebauten Straßen nicht ſehr zahlreich waren und daß bequeme Flußübergänge wohl vielfach, ſelbſt an ſehr frequenten Punkten, fehlten, ſo werden wir z. B. Einhards Leiſtung, in ſechs bis ſieben Tagen von Mühlheim nach Aachen zu reiten, immerhin ſchon als eine recht bedeutende Leiſtung anſehen müſſen. Auf eine außerordentliche Geſchwindigkeit kam es ja bei den Hofreiſen nicht an. Das Pferd durfte nicht übermäßig angeſtrengt werden, wenn man nicht unterwegs einmal„propter lassitudinem iumentorum“ die Reiſe zu unterbrechen gezwungen ſein wollte. Bei den guten und geraden Straßen, die wir jetzt faſt überall haben, würde etwa der Marſchleiſtung Einhards entſprechen, wenn heute ein Reitertrupp in fünf Tagen die Strecke Aachen⸗Mühlheim zurücklegte d. h. alſo ſechs Meilen täglich machte, und das iſt z. B. für ein Militärpferd ſchon eine ganz erhebliche Leiſtung.
Solche Reiſemärſche erfordern übrigens durchaus einen geſunden und kräftigen Reiter. Schwächliche oder kranke Perſonen können und konnten derartige Reiſen zu Pferd gar nicht unternehmen. Für dieſe Leute gab es aber doch auch damals ein anderes Verkehrsmittel, das wir im folgenden kurz berühren wollen.
Als Einhard im März oder April 830 auf ſeiner Reiſe nach Compiegne unterwegs ſo ſchwer erkrankte, daß er, um von Maastricht nach Valenciennes zu kommen(es ſind höchſtens fünfundzwanzig Meilen) faſt zehn Tage brauchte, und als ferner in Valenciennes ſeine Milz⸗ und Nierenſchmerzen ſo zunahmen, daß er ſich nicht mehr auf dem Pferde halten konnte, bat er die Kaiſerin, der er nach Compisgne folgen ſollte, um die Erlaubnis, zu Schiff nach Gent reiſen und dort ſeine Geneſung abwarten zu dürfen. Wir ſehen, es blieben für Perſonen, die nicht zu Pferde reiſen konnten oder wollten, immer noch die Waſſerſtraßen, die, wenn ſie auch teilweiſe nur ein langſames, ſo doch ſtets ein bequemes Reiſen geſtatteten, und darauf kam es kranken Leuten doch vor allem an. Auf einem Mainſchiffe war der blinde Aquitanier nach Mühlheim gekommen, und jene Kölnerin, die ſo gelähmt war, daß ſie ſich nur kriechend vorwärts bewegen konnte,
¹) qui nobis ac nostris in sacro onere ferendo devoti adiutores fuere(§ 18).


