Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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Faſſen wir nun das, was wir bezüglich der Beförderungsmittel geſagt haben, kurz zuſammen, ſo iſt das Reſultat dies: daß zu Einhards Zeit alle Landreiſen faſt ausſchließlich zu Pferde gemacht wurden, daß aber an einen Wechſel der Reitpferde nur bei den Reiſen des königlichen Hofes, beſtimmter kaiſerlicher Beamten oder fremder Geſandten zu denken war und daß ſomit alle anderen Perſonen ihre Reiſen, ſelbſt wenn dieſelben Monate lang dauerten, auf ihren eigenen Tieren, alſo auch wohl meiſtens auf ein und demſelben Tiere machen mußten. Daß dieſer Umſtand die Reiſegeſchwindigkeit bedeutend herabdrückte, liegt am Tage.

Es wäre nun gewiß von nicht geringem Intereſſe zu erfahren, wie ſchnell man damals überhaupt vorwärts kam. Leider verſagt unſere Quelle hinſichtlich derjenigen Reiſen, deren Geſchwindigkeit dadurch, daß ſtationsweiſe friſche Pferde zur Verfügung geſtellt wurden, gewißlich keine geringe war. Aber über die Geſchwindigkeit, mit der man auf eigenen Tieren damals reiſte, ſind wir durch einige Stellen der translatio und derBriefe doch in den Stand geſetzt, Aufſchlüſſe zu geben.

Wie ſchon erwähnt, beträgt die gerade Entfernung von Obermühlheim bis nach Aachen ungefähr zweiunddreißig Meilen, und Einhard reiſte dahin(man vergleiche die Karte) in faſt ſchnurgerader Richtung, da Wiesbaden und Sinzig am Rhein als Nachtquartiere von ihm erwähnt werden. Dieſe zweiunddreißig Meilen nun, ſagt Einhard in einem ſeiner Briefe aus der Zeit von 828 bis 830, könne er wegen des beſchwerlichen Weges und wegen ſeiner geſchwächten Geſundheit ſelten in kürzerer Zeit als in ſieben Tagen zurücklegen. Er ritt demnach jeden Tag viereinhalb Meilen. Was wir darüber in der translatio finden, entſpricht dem: Wiesbaden iſt von Mühlheim(über Frankfurt) etwa achteinhalb Meilen entfernt, und Wiesbaden war auf der Hofreiſe im Dezember 829 Einhards zweites Nachtquartier. In früherer Zeit, als Einhard noch bei voller Geſundheit war, hat er, wie es ſcheint, zur ganzen Reiſe auch wohl nur ſechs Tage gebraucht, mithin fünf Meilen täglich gemacht. Das Gleiche leiſtete der Diakon Theothard, der wie wir wiſſen, die von Einhard dem Abt Georgius geſchenkten Reliquienteile von Aachen nach Valenciennes zu bringen hatte. Am 19. Juni befand er ſich in Waſidium(heute Viſé), wo er übernachtete, und er erreichtetertia die( 22. Juni) ſein von hier fünfzehn Meilen entferntes Kloſter; dabei hatte noch eine zahlreiche Volksmenge die Reliquien auf dem ganzen Wege begleitet. Im Vergleich hiermit erſcheint wegen der ungeheueren Schwierigkeiten, die der Weg mit ſich brachte, als eine recht bedeutende Leiſtung folgende. Die Entfernung von Pavia im Pothal bis nach St. Moritz im Rhonethal beträgt in der Luftlinie ungefähr zweiunddreißig Meilen. Beide Thäler werden getrennt durch das Hochgebirg der Alpen, das im Großen St. Bernhardspaß eine Höhe von 7670 Fuß hat. Und doch war Ratleik bereits am ſechſten Tage nach ſeinem Aufbruch von Pavia in St. Moritz, ſodaß er auf dieſer höchſtbeſchwerlichen Reiſe täglich etwa ſechs Meilen zurückgelegt haben muß.

Wenn uns auch ſpezielle Zeitangaben fehlen, ſo wird man doch auch die Leiſtung despuer Ascolfi (Seite 7) und diejenige der Kleriker und Laien, welche durch Einhard dem Ratleik entgegengeſchickt wurden, gewiß als eine ganz außerordentliche bezeichnen müſſen; denn in derſelben Zeit, in der Ratleik von Pavia nach St. Moritz eilte und dann freilich, weil die Reliquien von dem zulaufenden Volke getragen wurden, ziemlich langſam um den Genfer See herum bis Solothurn zog es ſind höchſtens fünfundfünfzig Meilen ritt erſt Ratleiks Bote, derpuer Ascolfi, die einhundertzehn Meilen von Pavia bis Gent, wo ſich Einhard damals aufhielt, und ſodann ein Freund Einhards mit einer Schar Kleriker und Laien die ſicherlich achtzig Meilen lange Strecke von Gent bis Solothurn, wo er mit Ratleik zuſammentraf. In derſelben Zeit alſo, in der Ratleik fünfundfünfzig Meilen zurücklegte, wurden von jenen Leuten einhundertneunzig Meilen geritten. Weniger bedeutend erſcheint Einhards eigene Leiſtung am 16. Januar 828, weil auf dieſen Tag keine weiteren Reiſetage folgten. Er ritt an dem genannten Tage es war faſt Frühlingswetter von Michelſtadt im Odenwald bis Obermühlheim am Main, alſo auch eine Wegſtrecke von ſechs Meilen. Prima luce, post completum matutinum officium war man aufgebrochen. Es ſollten an dieſem Tage die Leiber St. Marcellins und Peters von Michelſtadt nach Mühlheim überführt werden. Aber der Weg