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zweite Straße, auf der Hun und Deusdona weitergezogen waren, war eine alte Römerſtraße; ſie lief von Viviscus(Vevey), wo ſie ſich abzweigte, über den Jura nach Beſancon; von hier führten andere Römerſtraßen bis Rheims und Soiſſons. Im heutigen Frankreich hatte ſich das römiſche Straßennetz und noch gar vieles andere aus römiſcher Zeit, wie wir gleich ſehen werden, beſſer und in größerer Ausdehnung erhalten, als es diesſeits des Rheins bei der gründlichen Zerſtörung der römiſchen Kultur durch die Deutſchen möglich geweſen war.
Wir gehen nunmehr zu dem zweiten Punkt über: zur Beantwortung der Frage, welcher Art die Verkehrsmittel waren, deren man ſich auf den teilweiſe ſehr großen Reiſen, die wir oben zuſammengeſtellt haben, bediente. Gab es, ſo müſſen wir uns zunächſt fragen, zu Einhards Zeit öffentliche Verkehrsmittel, welche der Beförderung von Perſonen dienten? Gab es eine Art Perſonenpoſt, die Einhard, beſonders auf ſeinen Reiſen nach Aachen, benutzen konnte oder durfte? Dieſe Frage iſt nicht etwa ſofort zu verneinen. Das römiſche Kaiſerreich, deſſen Erneuerer dem Namen nach Karl der Große geworden war, beſaß bekanntlich eine gut organiſirte Staatspoſt, den„cursus publicus,“ d. h. längs der Staatsſtraßen, die das Reich nach allen Richtungen durchſchnitten, waren an beſtimmten Orten Anſtalten errichtet, welche dazu dienten, durch Beförderung von Briefen, Berichten, Dekreten, von Perſonen und Sachen mittelſt eigens hierzu beſtimmter Fahrzeuge und Tiere den Geſchäſtsverkehr zwiſchen dem Kaiſer und ſeinen Militär⸗ und Civilbeamten in den Provinzen zu unterhalten. ¹) Beſonders hierfür aufgeſtellte Beamte und Bedienſtete leiteten dieſen„cursus publicus.“ Die an den Hauptſtraßen liegenden Poſtanſtalten(Stationes) zerfielen in„mutationes“ d. h. Stationen, auf denen die Geſpanne gewechſelt wurden, und„mansiones“ d. h. Stationen zur Raſt und zum Üübernachten, auf denen Wagen⸗ und Pferdewechſel ſtattfand. Dieſe Manſionen waren verſehen mit Stallungen und Schlafräumen, mit Küche und Keller. Zu allen Stationen mußten die Bewohner der umliegenden Land⸗ ſchaften„alle dort erforderlichen Zugtiere(veredi und paraveredi, daher unſer„Pferd“), alles für dieſe nötige Futter und alle Vorräte von Lebensmitteln, die die Reiſenden brauchten, ſtellen.“ Denn wer die römiſche Reichspoſt benutzte, genoß nicht bloß freie Beförderung, ſondern auch freie Verköſtigung auf den Manſionen. Berechtigt zur Benutzung des„cursus publicus“ waren aber nur ſolche Leute, die mit einem vom Kaiſer oder den dazu befugten Beamten ausgeſtellten Reiſepaß(diploma, ſpäter evectio) verſehen waren. Denn die römiſche Poſt, ganz und gar eine Staatsanſtalt, ſollte auch nur den Intereſſen des Staates dienen. Den Privatverkehr ſchloß ſie im Prinzip aus; es kamen natürlich auch Ausnahmen vor, häufiger indeſſen Um⸗ gehungen der betreffenden Geſetze.
Der Untergang des Römerreichs zog ſelbſtverſtändlich auch denjenigen der römiſchen Reichspoſt nach ſich. Doch die ganze Einrichtung war zu praktiſch geweſen, um nicht den germaniſchen Eroberern es nahe zu legen, die betreffenden Stücke der römiſchen Poſt, die auf die von ihnen eroberten Provinzen fielen, zu erhalten. Und in der That wurden in Italien von den Oſtgoten, in Afrika von den Vandalen und in Gallien von den Franken Reſte der römiſchen Poſt erhalten— in dem letzgenannten Lande freilich nur ſoviel, daß die Unterthanen verpflichtet waren, dem König und ſeinem Gefolge auf Reiſen Vorſpann und Lebensunterhalt zu ſtellen, desgleichen den königlichen Beamten auf Dienſtreiſen, ſowie ſolchen(beſonders dem geiſtlichen Stande) angehörigen Leuten, denen vom König das Recht der freien Beförderung, d. h. auf Koſten der Unterthanen zu reiſen, verliehen worden war. Von einer Bereitſchaft der Zugtiere, von Poſtbeamten und reich ausgeſtatteten Manſionen war indes keine Rede mehr.²) In dieſer Weiſe beſtand das römiſche Poſtweſen noch bis zum Vertrage von Verdun(843), alſo auch unter der Regierung Karls des Großen und Ludwigs des Frommen. Eine weſentliche Änderung iſt unter dem großen Erneuerer des Frankenreichs nicht eingetreten, denn auch Karl der Große, dem man die Einrichtung regelmäßiger Poſtzüge zugeſchrieben hat, hat in Wirklichkeit nicht viel mehr gethan, als das zu erhalten, was vom römiſchen Poſtweſen ſchon im Merovingerreiche erhalten war.
¹) Siehe Hartmann, Entwickelungsgeſchichte der Poſten, Seite 14 ff.
²) Flegler, zur Geſchichte der Poſten, Seite 132.


