Aufsatz 
Einhards Translatio SS. Marcellini et Petrie in kulturgeschichtlicher Beziehung
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nahme der entwendeten Reliquienteile(fünfunddreißig Meilen) und endlich die Überbringung eines Reliquien⸗ geſchenks von Obermühlheim nach Gent(fünfundfünfzig Meilen). Wenn man nun auch ſagen muß, daß für den oben abgegrenzten Zeitraum eine außergewöhnliche Veranlaſſung vorlag, den Reiſeverkehr im Hauſe Einhards zu dieſer Lebhaftigkeit zu ſteigern, ſo beweiſt doch eben dieſe Lebhaftigkeit des Verkehrs, daß das Reiſen zu den Zeiten Ludwigs des Frommen nicht allzu erſchwert geweſen ſein muß oder doch wenigſtens nicht in dem Maße erſchwert, wie wir es uns ohne jene Details aus Einhards Schrift über die translatio ſicherlich vorgeſtellt hätten.

Die größere oder geringere Beſchwerlichkeit einer Reiſe hängt nun hauptſächlich von zwei Dingen ab: erſtens von der Beſchaffenheit der Wege und zweitens von der Art der Beförderungsmittel. Wir haben daher nunmehr zu ſehen, welche Aufſchlüſſe uns die translatio hierüber giebt.

Üüber den erſten Punkt finden wir in Einhards Schrift leider herzlich wenig. Daß im allgemeinen die Reiſe von Mühlheim nach Aachen offenbar wegen der ſchlechten Wege eine ſehr beſchwerliche war, erſehen wir aus einem Einhardſchen Briefe, in dem es u. a. heißt:propter viae difficultatem ſei es dem Schreiber nicht möglich, die angegebene Wegſtrecke in kürzerer Zeit als in ſieben Tagen zurückzulegen. Nach vorhergegangenen Regengüſſen war in Gebirgsgegenden überhaupt ſchwer fortzukommen; denn als es in der Nacht vom 15. zum 16. Januar 828 ohne Unterbrechung im Odenwald geregnet hatte, ſo ſchien es unſerem Einhard ganz unmöglich,iter illud(von Michelſtadt nach Mühlheim) ea die inchoari posse. Als er die Reiſe dennoch wagte, fand er glucklicherweiſeluti parum und die Gebirgsbäche nicht in dem Maße angeſchwollen, als er erwartet hatte(§ 18). In der Nähe der kaiſerlichen Pfalzen waren die Straßen offenbar in beſſerem Zuſtande, und angeſchwollene Bäche konnten dort wohl nicht ſo leicht einer Reiſe hinderlich werden.Vurmius fluviolus, duobus fere passuum millibus ab Aquensi palatio distantem habens pontem, bemerkt Einhard gelegentlich einmal(§ 30). Waldgebirgsgegenden waren damals noch wenig bewohnt. Offenbar aus dieſem Grunde ſorgte man, wo es nur möglich war, dafür, daß man am Abend das Gebirge hinter ſich hatte. Von Wiesbaden z. B. brach Einhard ſtets ſehr früh aufpropter saltum(Taunus), qui eo loco contiguus est, commodius transeundum. Als Einhard im Winter 829 wieder einmal die Reiſe über den Taunus machte, ereignete ſich dabei ein Wunder, und dieſem Umſtande verdanken wir eine höchſt intereſſante Schilderung von den Beſchwerlichkeiten, mit denen eine Reiſe im Zeitalter Ludwigs des Frommen nicht ſelten verbunden war. Wir wollen Einhards Bericht wortgetreu wiedergeben, weil er uns Blicke in das Reiſeleben des neunten Jahrhunderts thun läßt wie nicht leicht etwas anderes. Wenn ich mich recht erinnere, ſchreibt unſer Verfaſſer,verließ ich gerade am 1. Dezember die Ruheſtätte der Heiligen(Mühlheim). Am nächſten Tage erreichte ich einen befeſtigten Ort, der heutzutage Wiſibada heißt; hier übernachtete ich. Früher als gewöhnlich ſtanden wir am nächſten Tage auf, um das Waldgebirge, das ſich hinter jenem Ort erhebt, bequemer überſteigen zu können. Unſere Knechte gingen mit dem Gepäck voraus. Als ſie den Ort, in dem wir übernachtet, hinter ſich hatten und weiter zu ziehen begannen, da wurden ſie plötzlich von einer ſo undurchdringlichen Finſternis eingehüllt, daß ſie nicht mehr zu erkennen imſtande waren, welche Richtung ſie einzuſchlagen hatten. Dabei herrſchte eine ungeheuere Kälte und der Schnee, welcher die Erde bedeckte, hatte den Weg vollſtändig unkenntlich gemacht. Die Gipfel der Berge, die man überſteigen mußte, waren in Wolken gehüllt, ſo daß man nicht unterſcheiden konnte, wie nahe oder wie weit entfernt ſie noch waren. Dazu lagerte in den Thälern ein dichter Nebel, der dadurch, daß er das Sehen faſt unmöglich machte, meine Leute, die ungeduldig vorwärts wollten, im Marſche hemmte. Inmitten⸗ dieſer Hinderniſſe und nicht wiſſend, was ſie anfangen ſollten, ſtiegen ſie endlich von den Pferden und ſchickten ſich an, den Weg, den ſie nicht ſehen konnten, durch Hin⸗ und Hertappen zu finden. Als ihnen auch dies nicht gelang, ſtiegen ſie wieder zu Pferde und beſchloſſen, lieber weiter zu ziehen, auch auf die Gefahr hin, ſich zu verirren, als ſich noch länger mit Suchen aufzuhalten. Sie ritten alſo weiter und ſtießen dabei nach einiger Zeit auf ein Kreuz, das an dem Wege, den ſie bisher vergeblich geſucht hatten, zu Ehren des heiligen